Ein Offenbacher Diabetiker mit Sepsis-Gefahr wurde vom Rettungsdienst nicht transportiert – seine Familie schob ihn im Rollstuhl ins Krankenhaus.
Was in Offenbach passiert ist, lässt einen sprachlos zurück. Ein 48-jähriger Diabetiker sitzt am Sonntag mit Fieber, Schüttelfrost und starken Schmerzen im Rollstuhl. Er hat offene Beine, war erst kürzlich nach einem längeren Krankenhausaufenthalt nach Hause gekommen – und seine Ärzte hatten der Familie klare Ansagen gemacht: Sobald er Fieber bekommt, sofort zurück in die Klinik. Es bestehe die Gefahr einer akuten Sepsis. Die Familie ruft den Rettungsdienst. Was dann folgt, ist schwer zu fassen.
Der diensthabende Notfallsanitäter kommt – und entscheidet laut Aussage der Familie, den Mann namens C. nicht mit dem Rettungswagen mitzunehmen. Sein Kommentar an die Schwester des Patienten: „Sie können ihn doch im Rollstuhl schieben, das Krankenhaus ist nicht weit weg.“ Die Familie hätte stattdessen einen Krankentransport rufen sollen. Eine Untersuchung des Patienten – Blutdruck messen, Temperatur, Puls – soll dabei laut Angaben der Angehörigen nicht stattgefunden haben.
Der Sanitäter bringt C. im Rollstuhl nach draußen, gemeinsam mit dessen Ehefrau – und lässt die beiden dort stehen. Der Rettungswagen fährt davon. Zurück bleibt eine Frau, die ihren schwer kranken Mann nun selbst zum Kettelerkrankenhaus bringen muss.
„Das sind etwa tausend Meter. Die Kraft hat sie überhaupt nicht, um ihn den ganzen Weg zum Kettelerkrankenhaus zu fahren“, schildert die Schwester des Patienten. Am Ende schieben die Angehörigen gemeinsam. Für C. wird der Weg zur echten Tortur: „Er hatte Schmerzen bei jeder Unebenheit auf dem Weg“, erzählt seine Schwester. Und weiter: „Mir ist erst wirklich bewusst geworden, was gerade passiert ist, als ich meinen Bruder schon fast ins Krankenhaus geschoben hatte.“
Die Familie spricht von unterlassener Hilfeleistung. C. sei bereits mehrfach mit einem Rettungsdienst ins Krankenhaus gebracht worden – „bisher hat es immer reibungslos funktioniert“, so die Schwester. Diesmal nicht.
Nach einer Rückfrage der Familie hat sich Leif-Niklas Wulf, Geschäftsführer des ASB Mittelhessen, zu dem Vorfall geäußert. Er war selbst nicht vor Ort, betonte aber: „Wir haben bereits Gespräche geführt mit dem Notfallsanitäter und den beiden anwesenden Kollegen.“ Den betreffenden Mitarbeiter kenne sein Unternehmen grundsätzlich als engagierten und zuverlässigen Mann – gegenüber der Familie habe er sich entschuldigt. Und Wulf räumt ein: „Man hätte sicher Sachen anders machen können.“ Der ASB geht dem Fall nach.
Jürgen Wahl, Fachanwalt für Medizinrecht aus Offenbach, beurteilt die Situation deutlich: „Den konkreten Fall kenne ich nicht, aber es müssen zumindest immer Werte gemessen werden wie etwa Blutdruck, Temperatur und Puls, bevor ein Notfall ausgeschlossen werden kann.“ Normalerweise sei es in einer solchen Lage üblich, den Patienten mitzunehmen. Die Frage nach unterlassener Hilfeleistung stelle sich für ihn durchaus.
Auch das Hessische Rettungsdienstgesetz ist in diesem Zusammenhang eindeutig: Als Notfallpatienten gelten Menschen, bei denen unmittelbare Lebensgefahr besteht oder zu erwarten ist – oder denen schwere gesundheitliche Schäden drohen, wenn nicht schnellstmöglich notfallmedizinische Versorgung erfolgt.
Ob der Notfallsanitäter in dieser Situation richtig gehandelt hat oder gegen seine Pflichten verstoßen hat, ist jetzt Sache von Polizei und Staatsanwaltschaft. Eine abschließende Bewertung steht noch aus. Für die Familie bleibt die Frage, wie es überhaupt so weit kommen konnte – und wie viel Vertrauen man in den Rettungsdienst noch haben kann, wenn ein schwer kranker Mann mit Sepsis-Gefahr am Ende von seinen Angehörigen ins Krankenhaus geschoben werden muss.






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