
Bei der Frankfurter Kommunalwahl 2026 zeigen Briefwahl-Zahlen auffällige Muster. Wie kamen vier Kandidaten durch mehr als 6.000 Leihstimmen in den Römer?
Die Kommunalwahl vom 15. März 2026 in Frankfurt wirft Fragen auf – und die haben es in sich. Knapp 43 Prozent der Wählerinnen und Wähler haben per Briefwahl abgestimmt. Und genau dort zeigt die statistische Auswertung des Frankfurter Wahlamts Auffälligkeiten, die Expertinnen und Experten ins Grübeln bringen. Noch am 21. Mai hat die Stadtverordnetenversammlung die Wahl für gültig erklärt – niemand erhob Einspruch. Dabei sind die Zahlen alles andere als gewöhnlich.
Im Mittelpunkt stehen zwei Wählergruppen mit überschaubarem Ergebnis: die Europaliste für Frankfurt (ELF, 0,9 Prozent) und die Gruppe „Ich bin ein Frankfurter“ (IBF, 1,0 Prozent). Beide fallen sofort auf, wenn man die Briefwahl-Anteile vergleicht: Bei beiden Parteien ist der Briefwahl-Anteil jeweils doppelt so hoch wie der Frankfurter Durchschnitt. IBF-Spitzenkandidat Jumas Medoff erklärt das mit einer gezielten Strategie: „Für uns war die Briefwahl von Beginn an ein zentrales Element unserer Kampagne.“ Für Manfred Güllner, Gründer des Berliner Sozialforschungsinstituts Forsa, reicht das als Erklärung nicht aus: „Das ist schon außergewöhnlich, und es gibt keinen plausiblen Grund.“
Besonders auffällig: In einem Briefwahlbezirk im Stadtteil Sossenheim erzielte die IBF stolze 13,2 Prozent – bei der Urnenwahl im selben Gebiet landete sie bei unter 0,4 Prozent. Ähnliche Ausreißer gibt es in Goldstein, das zum Stadtteil Schwanheim gehört. Güllner kommentiert das deutlich: „Das kann es eigentlich gar nicht geben. Da liegt also der Verdacht wirklich nah, dass da irgendetwas nicht stimmt. Mir fällt keine plausible Erklärung ein, wie das zustande kommen soll.“ IBF-Kandidat Medoff verweist dagegen auf kleine Fallzahlen in diesen Briefwahlbezirken, bei denen schon wenige Stimmen große prozentuale Ausschläge erzeugen könnten.
Noch eine weitere Zahl macht stutzig: Bei der Frankfurter Stadtverordnetenwahl haben fast 75 Prozent aller Wählerinnen und Wähler nur ein einziges Kreuz gemacht. Dort, wo IBF oder ELF ein Listenkreuz bekamen, lag dieser Anteil bei nur 20 Prozent – dafür wurde dort eifrig panaschiert, also Stimmen an Kandidatinnen und Kandidaten anderer Listen vergeben.
Und der Effekt ist enorm: Mit jeweils mehr als 6.000 Stimmen aus dem IBF-Topf zogen Hosai Zarif-Ander und Feyyaz Çetiner ins Stadtparlament ein. Auch die neue SPD-Stadtverordnete Dijana Avdic erhielt gut 6.000 Stimmen von Wahlzetteln mit IBF-Listenkreuz. Zum Vergleich: SPD-Kulturdezernentin Ina Hartwig bekam gerade einmal 43 solcher Stimmen. Und CDU-Stadtverordneter Avi Shefatja bekam ebenfalls einen IBF-Schub von gut 6.000 Stimmen. Ohne diese Stimmen hätten Zarif-Ander, Avdic, Çetiner und Shefatja den Einzug in den Römer schlicht nicht geschafft.
Da an eine Bewerberin oder einen Bewerber maximal drei Stimmen vergeben werden können, muss dieser Booster über mindestens 2.000 Stimmzettel erfolgt sein. Hans-Dieter Alt, Vorsitzender des Wahlprüfungsausschusses in Fulda, stellt die entscheidende Frage: „Wie kommen 2.000 Wählerinnen und Wähler dazu, einen Kandidaten von einer anderen Liste zu wählen? Das ist eigentlich völlig irrational.“
Die neuen Stadtverordneten verweisen auf ihre Netzwerke und ihr ehrenamtliches Engagement. Dijana Avdic betont ihr Engagement in der Kommunalen Ausländerinnen- und Ausländervertretung (KAV). Avi Shefatja hebt sein langjähriges Ehrenamt in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt hervor und erklärt, über jüdische Social-Media-Gruppen seien parteiübergreifend Wahlempfehlungen ausgetauscht worden. Hosai Zarif-Ander verweist auf ihr Netzwerk und gut besuchte Wahlkampfveranstaltungen. Feyyaz Çetiner nennt sein Engagement bei der Initiative Frankfurt For Ukraine.
Für Forsa-Gründer Güllner sind das alles keine überzeugenden Antworten. Er sieht sich in seiner Skepsis gegenüber der Briefwahl bestätigt: „Ich weiß nicht, wer tatsächlich den Stimmzettel ausfüllt. Und es ist auch empirisch so, dass sich alle Ermittlungsverfahren im Umfeld von Wahlen an der Briefwahl festgemacht haben. Nie an der Urnenwahl.“
Das Frankfurter Wahlamt hat im Zusammenhang mit der Kommunalwahl vom 15. März mehrere Strafanzeigen gestellt. Diese beziehen sich jedoch nach vorliegenden Informationen nicht auf die statistischen Auffälligkeiten. Auch bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft laufen Ermittlungsverfahren wegen möglicher Manipulationen bei der Briefwahl – dabei soll es ebenfalls nicht um die ungewöhnlichen Muster beim Urnengang gehen.
Zum Vergleich: In Fulda hatte eine ähnliche Diskrepanz zwischen Urnen- und Briefwahl dazu geführt, dass ein Wahlprüfungsausschuss die Wiederholung der Briefwahl zum Ausländerbeirat anregte. Der Fall dürfte vor dem Verwaltungsgericht landen. Ob Frankfurt nachzieht? Das bleibt abzuwarten. Aber die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache – und die werden wir im Main-Gebiet weiter im Blick behalten. Jetzt reinhören und informiert bleiben!






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