Norbert Cymbalista, 100-jähriger Holocaustüberlebender, übergibt die weltgrößte private Rimonim-Sammlung als Dauerleihgabe ans Jüdische Museum Frankfurt – ab 3.
Frankfurt hat eine ganz besondere Verbindung zu Norbert Cymbalista – und die geht weit zurück. Als Kind hielt ein Zug am Frankfurter Hauptbahnhof, der ihn und seine Familie an die deutsch-polnische Grenze bringen sollte. Jüdische Frauen standen am Bahnsteig, reichten den Menschen in den Waggons Essen durch die Fenster. „Und drei oder vier Jahre später saßen vermutlich auch diese Damen in den Eisenbahnwagen und wurden deportiert“, erinnert sich Cymbalista. Eine Szene, die er nie vergessen hat. Heute ist Cymbalista 100 Jahre alt – und er gibt der Stadt Frankfurt ein Geschenk zurück, das seinesgleichen sucht.
Seit mehr als 40 Jahren sammelt Cymbalista Thora-Aufsätze, die sogenannten Rimonim. Das hebräische Wort bedeutet Granatäpfel – und deren Form ist oft Vorbild für diese kunstvollen Objekte. Mit ihnen werden die zwei hölzernen Stäbe der Thorarolle „gekrönt“. Es gibt holzgeschnitzte Exemplare, häufiger aber werden sie aus Silber oder anderen Metallen gefertigt.
Cymbalista hat Rimonim aus aller Welt zusammengetragen: aus Deutschland, aus West- und Osteuropa, aus dem Maghreb, aus China, Indien, dem Irak, Afghanistan und Israel. Er besitzt damit die größte Privatsammlung von Thora-Aufsätzen weltweit – umfangreichere Bestände gibt es nur im Jewish Museum in New York und im Israel Museum in Jerusalem. Diese außergewöhnliche Sammlung hat Cymbalista nun als Dauerleihgabe an das Jüdische Museum in Frankfurt übergeben.
72 Objekte aus der Cymbalista-Sammlung werden ab dem 3. September in der Bibliothek des Jüdischen Museums Frankfurt zu sehen sein. Die Bibliothek wird dafür eigens umgebaut, ein großer Schaukasten entsteht. Ein Restaurateur reinigt die Stücke seit Wochen, entfernt Farbflecken und legt Oberflächen frei. Außerdem werden alle Objekte fotografiert und in die Onlinesammlung des Museums aufgenommen.
Besonders beeindruckend ist das Stück, das Cymbalista als „Nummer elf“ dokumentiert hat: ein silberner Thora-Aufsatz aus Venedig, gefertigt im 17. Jahrhundert. Das zweite Exemplar des Paars ist verschollen. Das vorhandene Einzelstück ist größer als die anderen Rimonim, Silberglöckchen hängen daran, und der Künstler hat die Formensprache des Rokokos aufgegriffen – feinste Details in den dargestellten Pflanzen inklusive.
Eva Atlan, die stellvertretende Direktorin des Jüdischen Museums, nennt die Stücke „hochkarätige Objekte“. Das Museum besitzt bereits viele jüdische Ritualobjekte, die meisten aus dem deutschsprachigen Raum. Mit Cymbalistas Dauerleihgabe weitet sich der Blick nun auf die ganze Welt.
Cymbalista wurde in Worms geboren. Im Oktober 1938 zwangen die Nazis seine Familie zur Ausreise – die sogenannte „Polenaktion“ gilt als die erste organisierte Massendeportation von Juden durch die Nazis. Sein Vater stammte aus Polen und hatte in Worms in einer Zigarettenfabrik gearbeitet, seine Mutter war in Galizien geboren. Nach den Novemberpogromen war klar: In Deutschland war kein Bleiben mehr. Allein, zu Fuß, flüchtete der damals zwölfjährige Cymbalista in der Karnevalsnacht über Belgien nach Frankreich – er hoffte, dass die Grenzsoldaten dann betrunken seien. Gemeinsam mit seinen Eltern überlebte er die Schoa. Zahlreiche Verwandte wurden ermordet.
Trotz allem – oder vielleicht gerade deshalb – lebt Cymbalista nach dem Motto: „Nicht zurück, sondern nach vorne schauen.“ Noch heute geht er täglich eine Stunde wandern, mit Nordic-Walking-Stöcken in den Schweizer Alpen. Mit 100 Jahren spricht er klar, schnell und in druckreifen Sätzen – und lacht immer wieder laut auf.
Viele Häuser hätten sich um Cymbalistas Sammlung „gerissen“, erzählt er. Er entschied sich für Frankfurt, weil das Jüdische Museum „erstklassig“ und „auf besondere Weise geführt“ sei. In einem großen Ausstellungshaus wären seine Stücke vielleicht ein kurzer Aufreger – in Frankfurt werden sie dauerhaft in einem passenden Rahmen präsentiert. Und dann ist da noch die Nähe zu Worms: Cymbalista reist noch immer gelegentlich in seine Geburtsstadt, wo seine Großmutter auf dem jüdischen Friedhof begraben liegt. Er ist heute das einzige lebende Mitglied der dortigen Vorkriegsgemeinde.
Was fasziniert ihn so sehr an den Rimonim? „Sie vereinen so vieles: Schönheit, Symmetrie, Religion, Geschichte“, sagt der Sammler. Und er macht weiter – er ist längst wieder auf der Suche nach neuen Stücken. „Das Leben kann noch amüsant werden“, sagt Cymbalista. Dem ist nichts hinzuzufügen. Jetzt reinhören – und diese Geschichte teilen!






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