
Anny Schlemm, Kammersängerin und Ehrenbürgerin von Neu-Isenburg, ist im Alter von 97 Jahren gestorben. Wir erinnern an eine Opernlegende mit über 135 Rollen.
Die Region trauert um eine ganz Große: Anny Schlemm, Kammersängerin, Ehrenbürgerin und eine der beeindruckendsten Opernpersönlichkeiten ihrer Zeit, ist am 20. August im Alter von 97 Jahren in Graz gestorben. Für alle, die sie kannten, für Neu-Isenburg als ihre Geburtsstadt und für die gesamte Opernwelt ist das ein riesiger Verlust. Ihr Sound war einzigartig – und ihr Name wird für immer mit dem Main-Gebiet verbunden bleiben.
Anny Schlemm wird am 22. Februar 1929 in Neu-Isenburg geboren. Schon als Kind fällt sie durch ihr lautes Singen in den Gassen auf – die Nachbarschaft nennt sie liebevoll „die Krischern aus de Herdegass“. Mit 17 Jahren gibt sie 1946 ihr Debüt am Opernhaus in Halle. Was danach folgt, ist eine nahezu sechzigjährige Karriere auf den bedeutendsten Bühnen der Welt.
Berlin, Köln, Frankfurt, Wien, Paris, London, Barcelona, Rom, Toronto, San Francisco – Anny Schlemm ist überall zu Hause, wo großes Opernhandwerk gefragt ist. Sie singt mit Tenören wie Rudolf Schock, Plácido Domingo und José Carreras und verkörpert im Laufe ihrer Karriere mehr als 135 Partien. Ihre Stimme entwickelt sich dabei vom lyrischen Sopran über das Mezzo-Fach bis hin zum dramatischen Alt – eine Wandlungsfähigkeit, die ihresgleichen sucht.
Zwischen 1978 und 1985 ist Anny Schlemm regelmäßig bei den Bayreuther Festspielen zu erleben. Besonders prägend ist aber ihre Arbeit an der Komischen Oper Berlin, wo sie in der legendären Inszenierung Walter Felsensteins die Boulotte in Jacques Offenbachs „Ritter Blaubart“ spielt. Felsensteins Schule formt ihre Fähigkeit, Gesang und Schauspiel zu einer außergewöhnlichen Bühnenpräsenz zu verbinden – das macht sie zur Ausnahmeerscheinung.
Im April 2003 verabschiedet sie sich im Alter von 74 Jahren offiziell von der Bühne der Oper Frankfurt. Ihre letzte Rolle: Mama Lucia in Mascagnis Cavalleria rusticana. Ein würdiger Abschluss einer außergewöhnlichen Karriere.
Trotz aller Weltläufigkeit verliert Anny Schlemm ihre Wurzeln nie. 1996 erhält sie die Große Ehrenplakette ihrer Heimatstadt Neu-Isenburg, 1999 folgt die Ehrenbürgerwürde. 2014 überreicht ihr Bürgermeister Herbert Hunkel zum 85. Geburtstag die Hugenottenmedaille als Amulett, und 2018 wird sogar eine Straße nach ihr benannt. Im Jahr 2000 wird ihr zudem der Joana-Maria-Gorvin-Preis der Akademie der Künste verliehen.
Bürgermeister Gene Hagelstein und Erster Stadtrat Stefan Schmitt bringen die Trauer der Stadt auf den Punkt: „Sie war eine außergewöhnliche Künstlerin, die auf den großen Bühnen der Welt zu Hause war und dabei ihre Neu-Isenburger Wurzeln nie vergessen hat.“ Auch der frühere Bürgermeister Herbert Hunkel, der Anny Schlemm über Jahrzehnte persönlich kannte, sagt: „Wir verlieren eine großartige Persönlichkeit. Ein großer Verlust, der sehr schmerzt.“
Anlässlich ihres 80. Geburtstags stiftet die Stadt Neu-Isenburg den mit 6.000 Euro dotierten Anny-Schlemm-Preis – konzipiert als Förderpreis für junge Sängerinnen des Opernstudios der Oper Frankfurt. 2024 wird das Konzept weiterentwickelt: Statt Wettbewerbskonzerten gibt es nun einen Opernabend, der das Andenken an Anny Schlemm und Franz Völker in den Mittelpunkt stellt.
Ihr musikalisches Erbe – Tondokumente, Briefe und Fotografien – wird im Archiv im Stadtmuseum Haus zum Löwen bewahrt. So bleibt die Stimme, die Generationen berührt hat, für immer lebendig. Danke, Anny Schlemm. Du warst und bleibst unvergesslich.






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