Nadine Riedesel aus Seulberg fand ein historisches Tagebuch in einer alten Holztruhe – und schrieb daraus ihren Debütroman.
Manchmal findet man nicht ein Buch – das Buch findet einen. Genau so beschreibt es Nadine Riedesel, eine 38-jährige Architektin aus Seulberg, die seit neun Jahren dort lebt und beruflich in der Immobilienbranche tätig ist. Als auf Schloss Lauterbach im Vogelsberg Büros renoviert werden sollen, nimmt sie sich der Aufgabe an. In einem der hintersten, leeren Arbeitszimmer stößt sie auf eine alte Holztruhe mit aufwendigen Schnitzereien – und darin: gedruckte Exemplare des Tagebuchs von Baronin Friederike Riedesel zu Eisenbach aus dem 18. Jahrhundert.
„Es war eher so, dass die Geschichte mich fand“, sagt Nadine Riedesel. Und was für eine Geschichte das ist!
Friederike Riedesel zu Eisenbach ist keine Unbekannte in der Familie. Nadine Riedesels Schwiegervater Berthold Riedesel Freiherr zu Eisenbach, der im Juli dieses Jahres verstarb, hatte von der schillernden Vorfahrin erzählt. Doch jetzt, mit dem Tagebuch in der Hand, wird die Geschichte lebendig.
Ein kurzer Rückblick: Im Jahr 1761, während des Siebenjährigen Kriegs, lernt die junge Friederike von Massow den Offizier Friedrich Riedesel Freiherr zu Eisenbach kennen. 1762 heiraten die 16-Jährige und der 24-jährige Baron. 1776 wird Friedrich nach Amerika beordert – und Friederike folgt ihm, mit ihren drei Töchtern im Gepäck, über den großen Teich. Gegen alle Widerstände. Ihre Erlebnisse im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg hält sie in einem Tagebuch fest, das 1801 erstmals veröffentlicht wird, in mehrere Sprachen übersetzt wurde und bis heute als wichtige historische Quelle gilt.
Und 1781 stellt die Baronin im damals noch britischen Territorium Kanada eine festlich geschmückte Tanne im Salon auf – eine Erinnerung an die alte Heimat. In Sorel, wo die Riedesels knapp zwei Jahre lebten, steht im Garten eines denkmalgeschützten Anwesens heute eine meterhohe Edelstahltanne: zur Erinnerung an den ersten Weihnachtsbaum Nordamerikas, der sich danach in der „Neuen Welt“ verbreitet haben soll.
In den Tagen nach dem Fund liest Nadine Riedesel in jeder freien Minute. Sie ist fasziniert von der tiefen Liebe Friederikes zu ihrem Mann und ihren Kindern, von ihrem Mut und ihrer Stärke. Als Mutter von zwei Söhnen im Alter von acht und neun Jahren trifft sie das besonders. Sie sucht nach vertiefender Literatur – und findet kaum etwas. Also fängt sie an zu schreiben. Was als „kleine Zusammenfassung“ für die Familie gedacht ist, wird am Ende ein ganzes Manuskript.
Für ihre Recherche reist Nadine Riedesel drei Wochen lang mit ihrer Familie per Wohnmobil auf den Spuren Friederikes durch Kanada. Sie trifft Historiker, besucht die Wendat-Nation in einem Reservat in der Provinz Québec, konsultiert den Stadthistoriker aus Lauterbach und liest geschichtliche Bücher. Herausgekommen ist ein Roman, in dem Fakten und Fiktion verschmelzen – „sodass man eine spannende Nahaufnahme einer Frau bekommt, die ihrer Zeit ein Stück voraus war.“
Ihr Debütroman trägt den Titel „Am Fluss der tausend Inseln“ und erscheint am 2. September 2026 im Atlantik Verlag. Der titelgebende Fluss ist der Sankt-Lorenz-Strom, an dessen Nebenfluss Rivière Richelieu das Fort Chambly liegt – jener Ort, an dem sich Friederike und Friedrich nach über einem Jahr Trennung wiedergetroffen haben.
Am selben Tag findet die Premierenlesung in der Stadtbücherei am Houiller Platz 2 statt – Beginn ist um 19.30 Uhr. Im Anschluss gibt es ein Gespräch mit Bürgermeister Lars Keitel (Grüne). Tickets kosten 10 Euro und sind in der Stadtbücherei erhältlich. Der Roman selbst ist in der Buchhandlung Schieferstein zu haben. Im Vertrag mit dem Verlag ist außerdem eine englische Übersetzung vorgesehen – Friederike Riedesel ist in Kanada nämlich bis heute berühmter als hierzulande.
Eine Geschichte, die in einer alten Holztruhe schlummerte – und jetzt endlich die Bühne bekommt, die sie verdient. Immer wenn Nadine Riedesel auf Burg Lauterbach ist, denkt sie: „Wow, hier war sie auch.“ Das spürt man beim Lesen auf jeder Seite.






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