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Wenn Töne auf Hände treffen: „Ensemble in transition

Das „Ensemble in transition

Redaktion
·
27. Juli 2026
Bild ist mit Hilfe von KI generiert
Zuletzt aktualisiert: vor 55 Minuten

Neue Musik trifft Gebärdenpoesie – ein außergewöhnliches Konzert im Frankfurt Lab

Frankfurt erlebt gerade Pionierarbeit der ganz besonderen Art! Im Frankfurt Lab, ausgerichtet von der Frankfurter Gesellschaft für Neue Musik, hat das „Ensemble in transition“ gezeigt, was passiert, wenn Neue Musik und Gebärdenpoesie aufeinandertreffen. Das Ergebnis? Eigenartig schön, berührend und absolut einzigartig.

Wer steckt hinter dem Ensemble?

Seit 2021 erforscht das „Ensemble in transition“ die Übergänge zwischen der Kultur der hörenden und der tauben Menschen. Gegründet hat das Ensemble die Flötistin Désirée Hall – in der Zeit der Corona-Pandemie, wie sie im Nachgespräch berichtet. Hall studierte Flöte und Operngesang in Frankfurt, schloss einen Master der Zeitgenössischen Musik in Basel an und einen weiteren in Frankfurt an der University of Applied Sciences: Performative Künste in sozialen Feldern.

Ihr Ziel ist klar: Es geht nicht darum, Gehörlosen per Untertiteln oder Dolmetschen Zugang zur Bühnenkultur der hörenden Mehrheitsgesellschaft zu ermöglichen. Stattdessen sollen taube Menschen mit ihrer eigenen Kunst aktiv in neu entwickelte Musik- und Theaterwerke einbezogen werden. Hall selbst bringt es auf den Punkt: „Wie Formen des Zusammenlebens und des Miteinanderseins gemeinsam gesucht und gestaltet werden können.“

Vier Frauen, drei Werke, eine Bühne

An diesem Abend stehen vier Frauen auf der Bühne: die Flötistin Désirée Hall, die Sängerin Maren Schwier, die Cellistin Larissa Nagel und Kassandra Wedel, taube Tänzerin und Gebärdensolistin. Alle in Konzert-Schwarz und barfuß. Drei Notenständer, kein vierter – denn Wedel braucht keinen. Sie liest nicht Noten, sondern lässt ihre Hände sprechen.

Den Auftakt macht „Echo:Reflexion“, das der Frankfurter Komponist Alexander Reiff 2021 speziell für das Ensemble geschrieben hat. Klingt die Flöte auf einem Ton, singt Maren Schwier ein rollendes „r“ dazu – und Kassandra Wedel zittert mit Zeige- und Mittelfinger. Die Laute haben etwas Vorsprachliches: Sie keckern, flattern, schnurren, sirren. Wedel ergänzt mit Zeichen der Deutschen Gebärdensprache, die sie frei und poetisch vergrößert. Gegen Ende legt sie ihre Wange auf beide Hände – wie zum Schlafen. Eine Hand dreht einen imaginären Schlüssel. Frieden? Erkenntnis? Das tiefe Brummen des Cellos gibt die Antwort.

Aus Gerhard Müller-Hornbachs „D.D. 11 Skizzen für Stimme und Violoncello“ (2005) spielt das Ensemble einige Teile – mit Geräuschen, Lippenpfeifen und Konsonantenrhythmen, denen ein neu geschaffener Gebärdenpart hinzugefügt wurde.

Den emotionalen Höhepunkt des Abends setzt die Uraufführung von Yukiko Watanabes „Kut“. Die Komposition wurde von einem koreanischen Ritual inspiriert, das Kontakt mit Verstorbenen aufnimmt. Hall kniet im weißen Mantel zeremoniell hinter ihrer liegenden silbernen Flöte, Wedel liegt ebenfalls. Dann steigt eine verborgene Hand auf – die ganze Person erhebt sich wie ein erweckter Geist. Für Watanabe war die Zusammenarbeit mit der Gebärdenpoetin etwas völlig Neues.

Pionierarbeit – und das mitten in Frankfurt

Was das Ensemble macht, ist in Deutschland echte Pionierarbeit. Die langen Probenprozesse, das gemeinsame Aushandeln mit Dolmetscherinnen und Komponisten, das Führen und Folgen – all das macht das Ergebnis nie vorhersehbar. Die Musikerinnen formen mitunter selbst Handzeichen, Wedel lernt Partien auswendig, weil sie weder Partituren lesen noch Tönen folgen kann. Und trotzdem – oder genau deshalb – entsteht auf der Bühne etwas, das beide Welten verbindet.

Die Kulturen der Hörenden und der Gehörlosen seien eigenständig und gleichwertig, betont Hall. Doch habe es die Kultur der Tauben in der Gesellschaft schwer, werde marginalisiert: „Machtverhältnisse.“ Genau hier setzt das Ensemble an – und schafft damit eine neue Kunstart, die Frankfurt guttut.

Alle drei Werke des Abends verbindet ein gemeinsames Thema: Kommunikation. Und die Botschaft kommt an – bei Hörenden wie bei Tauben gleichermaßen. Frankfurt, das ist der Sound der Weltstadt. Und manchmal ist dieser Sound eine Gebärde.

Quellen


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