
Psychische Erkrankungen sind in Hessen der häufigste Grund für Krankmeldungen – doch die Bundesregierung kürzt bei der Psychotherapie.
Stell dir vor, du sitzt in einer Praxis und siehst erfahrene Fachleute in Tränen ausbrechen – nicht wegen ihrer Patienten, sondern wegen ihrer eigenen Zukunft. Genau das erlebt Hannah Spagl seit Monaten in ihrer Psychotherapie-Praxis im Main-Taunus-Kreis. Die angehende Kinder- und Jugendpsychologin schlägt Alarm: Die Psychotherapie steckt in einer handfesten Krise – und das trifft auch die Menschen im Rhein-Main-Gebiet hart.
Die Bundesregierung will das Gesundheitssystem finanziell entlasten – und greift dabei tief in die Psychotherapie ein. Bereits im April wurden die Honorare für Therapeutinnen und Therapeuten um 4,5 Prozent gekürzt. Ob das überhaupt rechtmäßig war, wird derzeit vor Gericht gestritten. Und dann kam im Juli das nächste: Mit dem sogenannten Beitragsstabilisierungsgesetz für die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) sollen psychotherapeutische Leistungen künftig gedeckelt werden.
Das bedeutet konkret: Statt flexibel auf steigenden Bedarf zu reagieren und mehr Sitzungen abzurechnen, bekommt jede Praxis nur noch eine feste Jahressumme. Fachverbände befürchten, dass sich Therapeutinnen und Therapeuten dadurch vermehrt auf Privatversicherte konzentrieren werden – zum Nachteil der gesetzlich Versicherten. Obendrauf kommt die geplante Abschaffung der Angemessenheitsprüfung sowie des garantierten Mindesthonorars für psychotherapeutische Arbeit.
Das Pikante daran: Ausgerechnet jetzt, wo der Bedarf so groß ist wie nie, wird gekürzt. Laut dem Versicherer DAK stiegen Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen in Hessen zuletzt um zwölf Prozent – bundesweit waren es neun Prozent. Im ersten Halbjahr 2026 waren psychische Erkrankungen damit der häufigste Krankschreibungsgrund und die häufigste Ursache für Fehlzeiten überhaupt.
Auch der AOK-Fehlzeitenreport des vergangenen Jahres zeichnet ein deutliches Bild: Psychische Erkrankungen machten 12,5 Prozent aller Fehlzeiten aus – und sie dauerten im Schnitt fast einen Monat, also doppelt so lang wie andere Krankheiten. Statistisch betrachtet ist sogar ein Drittel aller Menschen in Deutschland pro Jahr von psychischen Erkrankungen betroffen.
Die Rechnung ist simpel und beunruhigend: Mehr kranke Menschen, weniger Kapazitäten. Schon jetzt liegt die durchschnittliche Wartezeit für einen Therapieplatz bei rund sechs Monaten. Das Aktionsbündnis Psychotherapie – in dem sich angehende und praktizierende Therapeutinnen und Therapeuten zusammengeschlossen haben – rechnet bei Umsetzung der Sparmaßnahmen mit bis zu 15 Monaten Wartezeit.
Professorin Silvia Kaps von der Hochschule Fulda, die zum Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen und dem Arbeitsmarkt forscht, schätzt, dass bis zu ein Viertel der Therapieplätze wegfallen könnte. Ihre Warnung ist eindeutig: Längere Wartezeiten bedeuten oft eine Verschlechterung der Symptome – bis hin zur Chronifizierung. Und das kostet: nicht nur die Betroffenen ihr Wohlbefinden, sondern auch die Gesellschaft richtig viel Geld. Depressionen etwa erhöhen die Wahrscheinlichkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen – auch das verursacht Ausfälle und Kosten im Gesundheitssystem.
Laut einer Umfrage des Aktionsbündnisses Psychotherapie überlegen zwei Drittel der niedergelassenen Therapeutinnen und Therapeuten, ihre Praxis wegen der Kürzungen zu schließen. Für Hannah Spagl ist das besonders bitter: Sie hat rund 30.000 Euro und viereinhalb Jahre in ihre Ausbildung investiert – je nach Fachrichtung können das bis zu 80.000 Euro sein. Doch kurz vor dem Berufsstart sieht die Lage düster aus. „Zu Anfang meiner Ausbildung hieß es noch, es gebe keine arbeitslosen Psychotherapeuten. Und jetzt sind keine Stellen mehr ausgeschrieben“, sagt sie.
Zwar gibt es für Kinder und Jugendliche eine Sonderregelung, die das Budget nicht ganz so stark deckelt. Doch auch Heranwachsende seien betroffen, betont Spagl – denn häufig bräuchten auch deren Eltern therapeutische Unterstützung, damit die Behandlung wirken kann.
Hannah Spagl hat inzwischen einen Job gefunden – die Sorgen bleiben trotzdem. Sie und das Aktionsbündnis Psychotherapie hoffen auf Nachbesserungen, wenn die Reformpläne im Herbst in den Bundestag eingebracht werden. Professorin Kaps betont außerdem, dass die Kürzungen besonders Frauen treffen: 77 Prozent der Psychotherapeuten sind weiblich – und Frauen gehen auch häufiger selbst in Therapie.
Psychische Erkrankungen isolieren Menschen und nehmen ihnen soziale Kontakte, wie Spagl sagt. Genau deshalb braucht es jetzt keine Kürzungen, sondern Ausbau – für alle, die Hilfe brauchen. Das gilt auch und gerade hier bei uns im Rhein-Main-Gebiet.






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