
Ein 83-jähriger Frankfurter arbeitet noch täglich in seinem Laden – weil kein Nachfolger in Sicht ist.
Stell dir vor, du bist 83 Jahre alt – und stehst trotzdem jeden Morgen in deinem Betrieb. Für einen Geschäftsmann aus dem Frankfurter Süden ist das gelebter Alltag. Seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen, aber seinen Antrieb kennt er ganz genau: „Wenn ich Schluss mache, wird es diesen Betrieb nicht mehr geben.“ Das will er verhindern. Sein Lebenswerk soll nicht einfach verschwinden – also macht er weiter. Ein Nachfolger? Nicht in Sicht. Seine Kinder gehen eigene Wege.
Was nach einer persönlichen Geschichte klingt, ist in Wahrheit ein echtes Frankfurter – und deutsches – Problem. Denn der 83-Jährige steht nicht allein da.
Bis 2030 werden in Deutschland rund 186.000 Unternehmensübergaben erwartet. Allein für Hessen geht das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn von rund 13.600 Übergaben aus. Das klingt erstmal nach viel Bewegung – aber das Problem liegt woanders: Es gibt zu wenig Interessenten. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) schätzt das Verhältnis von Angebot zu Nachfrage auf schlechter als 2:1. Sprich: Auf zwei Betriebe, die übergeben werden wollen, kommt weniger als ein potenzieller Nachfolger.
Bundesweit erwägen 27 Prozent der Unternehmen, die von ihrer regionalen IHK wegen einer möglichen Übergabe beraten werden, eine komplette Betriebsaufgabe. Gesunde Firmen, die eigentlich weiterlaufen könnten – einfach weg.
Vanessa Falkenstein, Sprecherin der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, bestätigt: „Ja, der Generationswechsel ist auch im Handwerk angekommen.“ Ein Blick in die Datenbank der Kammer zeigt: 36 Prozent der Einzelunternehmer im Bereich der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main sind älter als 55 Jahre. Besonders betroffen sind Gewerke wie Maler und Lackierer, Metallbauer und Tischler.
Und das spürt man auch in der Beratung: Rund 40 Prozent der Betriebsberatungsgespräche der Kammer drehen sich ums Thema Nachfolge. Viele Inhaber suchen gezielt Unterstützung dabei, ihren Betrieb in gute Hände zu übergeben – und finden sie nicht immer.
Peter Adrian, Präsident des bundesweiten IHK-Dachverbandes, macht keinen Hehl daraus, wie ernst die Lage ist: „In Deutschland bricht uns damit immer mehr von unserer wirtschaftlichen Basis weg. Das können wir uns nicht leisten. Wir verlieren dadurch Innovationsimpulse und Wachstumskraft.“ Er warnt vor den Folgen für ganze Wertschöpfungsketten – wenn ein Spezialbetrieb schließt, kann das viele andere mitreißen. Und wenn ein gut laufender Gasthof auf dem Land dichtmacht, verschwindet auch ein Ort der Begegnung. Innenstädte drohen mit mehr Leerständen und verwaisten Lagen.
Dazu kommt der Fachkräftemangel als weitere Belastung. Falkenstein bringt es auf den Punkt: „Fachkräfte und Auszubildende suchen nahezu alle Handwerksbetriebe, mit denen wir in Kontakt stehen.“ Die Handwerkskammer setzt deshalb auf Projekte wie die „Azubibotschafter“, bei denen Auszubildende an Schulen über ihren Beruf informieren, oder „YourPUSH“, eine Beratung für Studienzweifler. Kooperiert wird dabei mit der Frankfurt University of Applied Science.
Die gute Nachricht: Betriebe zur Übernahme gibt es mehr als genug. Wer sich für eine Selbstständigkeit im Handwerk interessiert, findet heute ein breites Angebot. Handwerk hat immer noch goldenen Boden – besonders wenn man den Schritt in die Selbstständigkeit wagt. Der 83-jährige Frankfurter wäre sicher froh über jemanden, der seinen Laden mit Leidenschaft weiterführt. Vielleicht bist du das?
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