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Aus Schweigen wurde eine Stimme: Frankfurt ehrt Zeitzeugin Edith Erbrich

Edith Erbrich erhält die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt für ihr jahrzehntelanges Engagement als NS-Zeitzeugin. Ihre Geschichte bewegt und mahnt bis heute.

Redaktion
·
19. August 2026
Bild ist mit Hilfe von KI generiert
Zuletzt aktualisiert: vor 59 Minuten

Eine Frankfurterin, die nicht vergessen lässt

Jahrzehntelang schwieg sie. Heute ist ihre Stimme wichtiger denn je: Edith Erbrich, 1937 in Frankfurt geboren, erzählt ihre Geschichte – in Schulen, bei Veranstaltungen und auf Bildungsreisen. Sie tut das, damit die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus lebendig bleibt. Und Frankfurt hat ihr dafür jetzt etwas Besonderes zurückgegeben: die Ehrenplakette der Stadt.

Ein Leben, das Geschichte schrieb

Edith Erbrich wuchs in einer Zeit auf, in der ihr Alltag von Ausgrenzung und Angst geprägt war. Ihr Vater war Jude, ihre Mutter katholisch – die Nationalsozialisten stempelten Edith und ihre ältere Schwester als sogenannte „Mischlinge ersten Grades“ ab. Die Mädchen durften nicht zur Schule gehen, beim Bombenalarm blieb ihnen der Zugang zum Luftschutzkeller verwehrt, und ihre Mutter stand unter dem Druck, sich von ihrem Mann zu trennen.

Im Februar 1945 wurde die damals siebenjährige Edith zusammen mit ihrer Schwester und ihrem Vater von Frankfurt nach Theresienstadt deportiert. Die Mutter musste zurückbleiben. Die Familie überlebte. Am 8. Mai 1945 wurde Edith Erbrich in Theresienstadt von sowjetischen Soldaten befreit.

Vom Schweigen zur Stimme

Nach dem Krieg besuchte sie in Frankfurt die Schule, absolvierte eine Ausbildung bei der Frankfurter Rundschau und arbeitete später bei den Stadtwerken Frankfurt. Lange Zeit sprach sie kaum über ihre Erfahrungen. Erst nach ihrem Eintritt in den Ruhestand begann sie, öffentlich über ihre Verfolgung und die Zeit in Theresienstadt zu berichten.

Den entscheidenden Anstoß gaben Begegnungen mit anderen Überlebenden, die sie bei ehrenamtlichen Tätigkeiten im Jüdischen Krankenhaus Frankfurt kennenlernte. Seit 1997 ist Erbrich als Zeitzeugin aktiv – in Schulen, Jugendzentren, Universitäten und bei öffentlichen Veranstaltungen. Gemeinsam mit dem Studienkreis Deutscher Widerstand 1933–1945 engagierte sie sich unter anderem für die Wanderausstellung „Kinder im KZ Theresienstadt“. 2014 veröffentlichte sie ihr Buch „Ich hab das Lachen nicht verlernt“.

Auch an zentralen Erinnerungsorten in Frankfurt hat Erbrich ihre Geschichte sichtbar gemacht: Sie setzte sich dafür ein, dass am ehemaligen Standort der Großmarkthalle dauerhaft an die Deportationen der Frankfurter Jüdinnen und Juden erinnert wird, und war an der Einweihung einer Gedenktafel an der Europäischen Zentralbank beteiligt.

Frankfurt sagt Danke – mit der Ehrenplakette

Oberbürgermeister Mike Josef überreichte Edith Erbrich die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt im Limpurgsaal des Römers. Seine Worte waren klar und eindringlich: „Es waren Zeitzeuginnen und Zeitzeugen wie Edith Erbrich, die den Holocaust und das Nazi-System für spätere Generationen greifbar machten, indem sie ihre sehr persönlichen und berührenden Geschichten erzählten.“

Josef betonte auch, wie aktuell das Engagement von Erbrich bis heute ist: „Leider sind Fanatismus und Dogmatismus auch in unserer heutigen Zeit präsent.“ Demokratie, Freiheit, Rechts- und Sozialstaat – nichts davon sei sicher, wenn man es nicht immer wieder neu sichere. Gudrun Schmidt vom Studienkreis Deutscher Widerstand 1933–1945 unterstrich in ihrer Laudatio, dass Erbrich junge Menschen stets dazu auffordere, kritisch zu sein und nicht wegzusehen.

Edith Erbrich selbst sagte bei der Verleihung: „Dass die Arbeit als Zeitzeugin so wichtig ist, konnte ich mir am Anfang gar nicht vorstellen. Erst später habe ich bemerkt, wie wichtig es ist, über diese Zeit zu sprechen.“ Für ihren unermüdlichen Einsatz gegen das Vergessen, gegen Hass und Rassismus erhielt sie bereits 2007 das Bundesverdienstkreuz und 2026 den Hessischen Verdienstorden.

Eine Stimme, die bleibt

Die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt wird seit 1952 an Persönlichkeiten verliehen, die sich besondere Verdienste erworben und das Ansehen der Stadt in besonderer Weise gemehrt haben. Edith Erbrich hat genau das getan – nicht mit lauten Worten, sondern mit ihrer ganz persönlichen Geschichte. Und die ist heute wichtiger denn je. Frankfurt ist stolz auf dich, Edith!

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