
600 Apfelwein-Exponate lagern im Depot des Historischen Museums Frankfurt – ein eigenes Museum scheitert seit Jahren. Was steckt hinter dem Stillstand?
Apfelwein, Bembel, Geripptes – das ist Frankfurt pur! Wer die offizielle Stadtseite aufruft, findet den Ebbelwei ganz oben unter „Frankfurt kulinarisch“ – noch vor Grüner Soße, Handkäs und Frankfurter Kranz. Aber wer ins Historische Museum Frankfurt (HMF) geht und nach dem Kultgetränk sucht, erlebt eine Überraschung: Nur ein einziges Apfelwein-Exponat ist dort ausgestellt. Kein Bembel, kein Geripptes – sondern ein prunkvolles Silberglas, aus dem einst Kaiser Wilhelm bei seinem Besuch am 19. Oktober 1877 in Frankfurt das Stöffche getrunken hat. Klingt edel, trifft aber kaum das Lebensgefühl des Volksgetränks, das einst die einfachen Schichten in Frankfurt trank.
Dabei könnte das ganz anders aussehen! Schon 1991 zeigte das HMF im Museumslokal Historix eine beeindruckende Ausstellung: „Der Äpfelwein in Frankfurt“ – mit sage und schreibe 600 Exponaten. Darunter seltene Tongefäße, Äpfelweindeckel, historische Fotos und Zeitungsausschnitte. Viele dieser Stücke hatte der 2010 verstorbene hessische Landtagsabgeordnete Helmut Lenz, in Frankfurt besser bekannt als „Bembel-Lenz“, zusammengetragen.
Teile dieser Sammlung befinden sich heute im Besitz der Historisch-Archäologischen Gesellschaft (HAG), die sie dem HMF als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt hat. Das Problem: Die Stücke lagern dort eingelagert im Depot – und kommen nicht ans Licht der Öffentlichkeit. Andreas Eichstaedt, einst Geschäftsführer der städtischen Saalbau GmbH und früheres Vorstandsmitglied der HAG, fragt sich deshalb zu Recht: Warum schafft es das Thema Apfelwein nicht in eine prominentere Ausstellung?
Dabei ist die Geschichte des Apfelweins in Frankfurt richtig spannend! Laut einer Begleitbroschüre zur Ausstellung von 1991 hängt die Etablierung des Apfelweins in der Stadt eng mit Frankfurts großer Bedeutung im Weinhandel zusammen. Ab dem 16. Jahrhundert führte eine Klimaverschlechterung dazu, dass einheimischer Traubenwein an Qualität verlor – und Obstgärten die Weingärten verdrängten, mit dem Apfel als Hauptdarsteller. Das Ergebnis kennt Frankfurt noch heute.
Dass das typische Gerippte-Glas rutschfest gestaltet ist, hat übrigens seinen Grund: Früher aß man die Wurst mit den Fingern – fettigen Fingern. Und auch wenn eine andere Erklärung kursiert – die Rauten brechen das Licht und lassen den Schoppen schöner im Glas stehen –, bleibt das Gerippte ein echtes Symbol für bodenständige Frankfurter Alltagskultur. Seit 2022 ist die handwerkliche Apfelweinkultur übrigens offiziell in der Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes verewigt. Nicht schlecht für ein Getränk aus dem Depot, oder?
Seit Jahren geistert die Idee eines eigenen Apfelweinmuseums durch Frankfurt. Ein Verein wurde gegründet, der ein „multimedial ausgestattetes Erlebniszentrum“ rund ums Stöffche errichten wollte. Besonders der historische Ratskeller im Römer hatte es den Planern angetan. Doch im Februar 2024 erteilte der Magistrat diesem Vorhaben eine klare Absage: zu hohe Kosten für technische Instandsetzung, Brandschutz und Barrierefreiheit. Zudem fehlen unabhängig nutzbare Zugänge und Toilettenanlagen – und im denkmalgeschützten Römer sind bauliche Anpassungen nur bedingt möglich.
Das HMF selbst sieht das Thema ebenfalls nicht als seine Kernaufgabe – zumindest solange ein eigenständiges Apfelweinmuseum im Raum steht. HMF-Sprecherin Karin Berrio macht deutlich: Ein erfolgreiches Konzept brauche eine funktionierende Apfelwein-Gastronomie. Im Museum sei das kaum umsetzbar, da der gastronomische Bereich keine Vitrinen zulasse.
Ein kleiner Hoffnungsschimmer: Die Stadtverordnetenversammlung hat im Januar einem Etatantrag von Grünen, SPD und Volt zugestimmt. Darin geht es um einen „attraktiven Informations- und Erlebnisort für die weltweit bekannten kulinarischen Spezialitäten aus Frankfurt“ – Apfelwein ausdrücklich inklusive. Für die Prüfung des Vorhabens wurden im Haushaltsplan 2026 immerhin 35.000 Euro eingestellt. Bevorzugt soll das Ganze in leer stehenden städtischen Gebäuden entstehen.
Ob daraus wirklich ein Ort wird, der den 600 Exponaten aus dem Depot endlich die Bühne gibt, die sie verdienen – das bleibt abzuwarten. Frankfurt, wir drücken die Daumen! Das Stöffche hat es verdient. Jetzt reinhören und mitreden – was denkt ihr: Wo soll Frankfurts Apfelwein-Erlebnisort entstehen?






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