
In Frankfurter Pflegeheimen werden bis zu 45 Grad gemessen – doch energetische Sanierungen scheitern an fehlenden Rahmenbedingungen.
Während Frankfurt in diesen Wochen für Schlagzeilen sorgt – ob mit der spektakulären Verhaftung am Flughafen oder anderen stadtweiten Ereignissen – schwelt ein anderes, ernstes Problem weiter: In Frankfurter Pflegeheimen werden Temperaturen von bis zu 45 Grad gemessen. Und das ist kein Einzelfall, sondern Realität in vielen Einrichtungen – gerade in den Obergeschossen und Dachbereichen.
Eine Blitzbefragung der Gewerkschaft Verdi unter mehr als 300 Beschäftigten aus Pflegeeinrichtungen zeichnet ein drastisches Bild. Beschäftigte berichten von Kreislaufproblemen, Überlastung und sogar Todesfällen, die sie auf die Hitze zurückführen. Verdi fordert deshalb ein Sofortprogramm von Bund und Ländern für Hitzeschutz und energetische Sanierung.
Frederic Lauscher, Vorstand des Frankfurter Verbands mit sieben Pflegeeinrichtungen in Frankfurt, bringt das Dilemma auf den Punkt: Die Temperaturen werden in den Häusern zwar gemessen und dokumentiert – das ist sogar vorgeschrieben. Aber er sagt es klar: „Kühler wird es durch Messen und Dokumentieren auch nicht.“ Stattdessen bedeutet das für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor allem eines: zusätzliche Arbeit.
Was bleibt, sind Maßnahmen, die auch aus dem privaten Alltag bekannt sind – nachts lüften, verschatten, Folien an Fenstern anbringen, kalte Getränke und Obst bereitstellen. Pflegekräfte schauen häufiger nach den Bewohnern und achten auf Anzeichen von Kreislaufproblemen oder Dehydrierung. Der Vorteil eines Pflegeheims sei immerhin, so Lauscher, dass die Menschen unter Beobachtung stünden und Schwierigkeiten früher auffallen könnten.
Doch das alles kostet Zeit und Personal. „Wir sind in der Pflege Kummer gewohnt“, sagt Lauscher – aber in einer Krise müsse eben noch einmal „extra herangeklotzt“ werden. Mehr Personal als die normale Besetzung steht dafür nicht zur Verfügung. Und eine bessere Personaldecke würde die Pflegesätze verteuern: „Am Ende zahlen die Pflegebedürftigen die Zeche.“
Mobile Klimageräte gibt es zwar in einzelnen Häusern, ebenso kühlere Räume, in die besonders belastete Bewohner ausweichen können. Doch auch das löst das Grundproblem nicht. Lauscher macht deutlich: „Es ist unrealistisch, 100 Bewohner aus den Zimmern an einen anderen Ort zu transportieren.“ Irgendwann müssen die Menschen schließlich in ihre Zimmer zurück – und dort auch schlafen.
Fünf Klimageräte aus dem Baumarkt zu kaufen und „an die Wand zu tackern“ nennt Lauscher „Flickschusterei“. Was wirklich helfen würde: Gebäude grundsätzlich für heißere Sommer fit machen – energetisch sanieren, besser dämmen und bei der Haustechnik nicht nur ans Heizen, sondern auch ans Kühlen denken. Fotovoltaik könnte dabei an heißen, sonnigen Tagen einen Teil des Strombedarfs für Kühlung decken.
Doch genau hier liegt das strukturelle Problem: Klimaschutz- und Klimaanpassungsmaßnahmen müssten vom Land als betriebsnotwendig für Pflegeeinrichtungen anerkannt werden – erst dann könnten Träger entsprechende Investitionen regulär refinanzieren. Selbst wenn ein Träger Geld auf der Bank hat, kann er laut Lauscher nicht ohne Weiteres investieren, wenn die Maßnahme später nicht berücksichtigt werden darf.
Auch die Stadt Frankfurt sieht ihre Möglichkeiten als begrenzt an. Sozialdezernatssprecher Christian Rupp betont, dass die Stadt selbst keine Alten- oder Pflegeheime betreibt – verantwortlich seien die jeweiligen Träger. Verbindliche Vorgaben kann Frankfurt nicht machen, Kontrollen über ausreichende Hitzeschutzmaßnahmen sind mangels rechtlicher Grundlage nicht möglich.
Das Gesundheitsamt gibt deshalb Empfehlungen: Räume kühl halten, Ventilatoren oder mobile Klimageräte einsetzen, körperlich anstrengende Tätigkeiten vermeiden, wasserreiche Mahlzeiten und ausreichend Getränke anbieten. Dass Bund und Land Zuschüsse für nachträgliche Klimatechnik und energetische Sanierungen bereitstellen, würde die Stadt ausdrücklich begrüßen – damit trifft sie sich mit Verdi und mit Lauscher.
Der Vorstand des Frankfurter Verbands blickt mit Sorge auf künftige Sommer, sieht aber auch Bewegung: Auf kommunaler Ebene gebe es in Frankfurt offene Ohren, man sitze zusammen und überlege, was vor Ort möglich sei. Sein Fazit bringt das Dilemma der Pflegeheime auf den Punkt: „Wir sind bereit, selbst etwas zu machen. Aber wir müssen auch dürfen.“
Bis dahin bleibt für Frankfurts Pflegebedürftige der nächste heiße Sommer ein echtes Risiko – und für die Beschäftigten eine Belastung, die weit über das Normale hinausgeht.






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