
Im Höchster Bolongarogarten wurde eine 2000 Jahre alte römische Latrine entdeckt. Was die Archäologen fanden, ist echte Frankfurter Geschichte!
Wusstet ihr, dass unter dem Höchster Bolongarogarten ein echter Schatz schlummert? Archäologen des Frankfurter Denkmalamts haben dort eine rund 2000 Jahre alte römische Latrine ausgegraben – und die steckt voller Überraschungen! Der Sound der Weltstadt hat tiefe, tiefe Wurzeln. Tiefer als gedacht.
Im Höchster Bolongarogarten, direkt neben dem großen Brunnen der derzeit sanierten Anlage, kauert Grabungstechniker Rolf Skrypzak in einer schwarz gefärbten Grube. Die dunkle Färbung verrät sofort: Hier war einmal eine Senkgrube – eine römische Latrine. Grünliche Verfärbungen an den Grubenwänden? „Harnstoff“, erklärt Skrypzak gut gelaunt. Gerochen hat es zum Glück nicht mehr.
Dafür kamen jede Menge antike Funde ans Tageslicht: zur Hälfte erhaltene rötliche Tonbecher, Bruchstücke einer Schale mit Ausgießer, sogenannte Gurtbecher mit Ritzverzierung, ein Spielstein aus weißem Glas – und massenhaft Rinderrippen. „Ganz gewöhnlicher Proviant für römische Militärs, natürlich damals mit Fleisch“, erklärt Andrea Hampel, die Leiterin des Frankfurter Denkmalamts. Ihr Fazit bringt es auf den Punkt: „Archäologie ist die Wissenschaft vom Müll.“
Die Römer kamen nicht einfach so nach Höchst. Münzfunde und extrem dünnwandige Keramikreste belegen: Ab dem Jahr zehn vor Christus errichteten sie hier ein Militärlager – an einem strategisch wichtigen Hochufer des Mains, nahe der Niddamündung und wichtiger Fluss- und Landwege. Das Ziel? Unter Kaiser Augustus die Eroberung des freien Germaniens und den Aufbau einer rechtsrheinischen Provinz voranzutreiben.
„Höchst war kein unbedeutender Vorposten. Alles spricht dafür, dass die Römer hier länger bleiben wollten“, sagt Hampel. Das Lager war riesig: Insgesamt geht man von neun Hektar aus – einer einzigen, zusammenhängenden Anlage, in der vielleicht eine ganze Legion mit 5000 Mann plus Tross aus Handwerkern, Köchen, Frauen und Kindern in Zelten und Fachwerkhäusern lebte.
Doch um 15 nach Christus verließen die Römer Höchst wieder – planvoll, ohne Chaos, wie das Fehlen von Brandspuren im Boden zeigt. Woran lag’s? Laut Peter Fasold, früherem Römerzeit-Kustos des Archäologischen Museums Frankfurt und Mitherausgeber einer demnächst erscheinenden Publikation zu den „Forschungen zum römischen Höchst“, spielte wohl auch die Niederlage im Teutoburger Wald im Jahr neun nach Christus eine Rolle: „Die Varuskatastrophe ist historisch nicht zu unterschätzen.“ Die römische Reichsgrenze wurde zurück an den Rhein verlegt – und Höchst aufgegeben. Den Müll haben die Soldaten dabei zurückgelassen. Und damit die älteste derzeit bekannte römische Fundstelle auf Frankfurter Stadtgebiet geschaffen!
Das Lager war gut ausgestattet: Austernschalen, Weinamphoren, feines Tafelgeschirr und sogar eine Amphore aus Nordafrika – vermutlich für den Transport der beliebten Fischsauce Garum – zeugen davon, dass die Römer in Höchst nichts vermissten. Spannend: Auch germanische Tonwaren und Biberknochen – typisch germanische Speise – wurden auf dem Gelände gefunden. Ein Zeichen für ein friedliches Zusammenleben von Einheimischen und Besatzern.
Und dann ist da noch ein kleines, trauriges Detail aus der Latrine: Skrypzak entdeckte das winzige Schulterblatt und kleine Rippenknochen eines Hundewelpen. „Überreste eines Hundewelpen, der wohl in der Latrine ein unfreiwilliges Ende gefunden hat“, kommentiert er trocken. Die Archäologen hoffen außerdem noch auf Pflanzenreste wie Getreidekörner, Kerne oder Pollen. „Es wäre toll, wenn wir der damaligen Ernährung noch besser auf die Spur kommen könnten“, sagt Elke Sichert, Leiterin der Bodendenkmalpflege im Denkmalamt.
Mitten durch die antike Latrine zieht sich übrigens ein dickes braunes Abflussrohr – erst vor etwa 30 Jahren verlegt, ohne dass das Denkmalamt informiert wurde. Skrypzaks Kommentar dazu: „Sie sehen hier 2000 Jahre Fäkalgeschichte.“ Damit meint er nicht nur die Römer.
Die aktuellen Grabungen im Bolongarogarten sind die 26. und wohl letzte untersuchte Fläche mit römerzeitlichen Funden im Rahmen der Sanierung des Bolongaropalasts – jener 1775 vollendeten Dreiflügelanlage, die im Auftrag der Kaufleute und Tabakfabrikanten Joseph Maria Marcus und Jakob Philipp Bolongaro erbaut wurde. Die Sanierung durch die Stadt Frankfurt war und ist ein Glücksfall für die Archäologie.
Bisher wurden übrigens nur zwei Prozent der gesamten Lageranlage untersucht – das Potenzial für weitere Entdeckungen ist also riesig! Ab Sommer 2027 soll ein Teil der Funde in einer Dauerausstellung im Bolongaropalast zu sehen sein – als Dependance des Historischen Museums Frankfurt, kuratiert von Konstantin Lannert. Auch römische Funde aus Höchst und Nied werden dann gezeigt. Frankfurt, deine Geschichte ist unglaublich – jetzt reinhören und mehr über deine Stadt erfahren!






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