
Talla 2XLC erfand den Begriff „Techno
Frankfurt und Techno – das gehört zusammen wie der Main und die Skyline. Und mittendrin: Talla 2XLC, bürgerlich Andreas Tomalla, einer der wichtigsten Pioniere der elektronischen Musik in Deutschland. Wer verstehen will, wie aus ein paar Schallplatten in einem Keller eine weltweite Bewegung wurde, sollte sich sein Gespräch mit Normann Schneider im Frankfurter MOMEM – Museum of Modern Electronic Music – genau anschauen. Hier erzählt er, wie alles begann – und das ist eine echte Frankfurter Geschichte.
Es klingt fast zu simpel, um wahr zu sein: Der Begriff „Techno“ entstand nicht in einem Tonstudio oder auf einer großen Bühne – sondern in einem Schallplattenladen im Frankfurter Hauptbahnhof. Andreas Tomalla arbeitete dort Anfang der 1980er-Jahre und hatte ein Problem: Elektronische Musik – Kraftwerk, Depeche Mode und ähnliche Künstler – war überall verstreut, es gab kein eigenes Fach dafür. Sein Lösungsansatz war pragmatisch und genial zugleich: Er schuf einen eigenen Begriff. „Technologie war mir zu lang für den Beschriftungsreiter“, sagt er. Also wurde daraus kurzerhand: Techno. Um 1982 herum – und der Rest ist Geschichte.
Aus dem Plattenverkäufer wurde ein DJ, aus dem DJ ein Veranstalter. Am 2. Dezember 1984 öffnete der erste „Technoclub“ in der Steinweg-Passage in einem kleinen Kellerclub namens „No Name“ – nur durch Mundpropaganda bekannt gemacht, nachmittags, und trotzdem über 300 Gäste beim ersten Mal. Jeden Sonntag danach dasselbe Bild.
Der Technoclub wuchs und zog schließlich ins legendäre Dorian Gray am Frankfurter Flughafen. Gleich beim ersten Abend dort: über 2.000 Besucher. Von etwa 1987 bis 2000 lief der Technoclub jeden Freitagabend – manchmal sogar als Marathon-Event über Ostern, von Karfreitagabend bis Ostermontagmittag, mit mehreren Floors und internationalen DJs. „Im Grunde war das schon eine Art Festival“, sagt Talla 2XLC rückblickend.
Die Szene wuchs, und mit ihr kamen neue Formate. Das Magazin „Frontpage“ – anfangs ein kleines DIN-A5-Heft mit Charts und Veranstaltungstipps – wurde zu einem der wichtigsten Publikationen für elektronische Musik in Deutschland. Mit dem Mauerfall 1990/91 explodierte die Techno-Bewegung: Berlin erwachte, neue Locations entstanden, und Talla 2XLC war dabei. Er organisierte Busse von Frankfurt nach Berlin zur Loveparade – beim ersten Mal waren es rund 6.000 Besucher, wenige Jahre später Hunderttausende.
International ging die Reise weiter: Tomorrowland in Belgien, das Electric Daisy Carnival in Las Vegas mit rund 500.000 Besuchern – Talla 2XLC hat die Bühnen der Welt bespielt. Und das alles aus Frankfurt heraus.
Ein wichtiger Teil dieser Erfolgsgeschichte lief auch übers Radio. Die Sendung „Maximal“ mit Tillmann Uhrmacher – ausgestrahlt bei Radio RPR – brachte elektronische Musik einem breiten Publikum näher. Talla 2XLC war dort regelmäßig zu Gast, neue Tracks wurden vorgestellt, Livesendungen aus dem Dorian Gray und von der Loveparade und der Nature One übertragen. „Für viele Hörer war das damals eine der wenigen Möglichkeiten, neue elektronische Musik kennenzulernen“, erinnert sich Talla. Tillmann Uhrmacher trug so aktiv dazu bei, den Technoclub in die Breite zu bringen – auch durch die Präsentation der Technoclub-CDs in seiner Sendung.
Heute ist Talla 2XLC auch als Botschafter der Musikgeschichte aktiv – unter anderem im MOMEM, dem Museum of Modern Electronic Music, das an der Hauptwache im Herzen Frankfurts zu finden ist. Die Idee dazu entstand laut Talla um 2011, als er über das Goethe-Institut weltweit unterwegs war und das riesige internationale Interesse an elektronischer Musik spürte – bei gleichzeitig fehlendem Ort, der diese Geschichte dokumentiert. Rund zehn Jahre später öffnete das MOMEM seine Türen: als eines der ersten Museen weltweit, das sich ausschließlich der elektronischen Musik widmet. Ausstellungen, Klanginstallationen, DJ-Workshops, Filmabende – das MOMEM ist lebendig, nicht verstaubt.
Der Technoclub feierte sein 40-jähriges Jubiläum – gefeiert wurde unter anderem im Dezember 2024 in Offenbach. Dazu erschien ein aktuelles Doppelvinyl-Jubiläumsalbum. Die Geschichte des Technoclubs und der elektronischen Clubkultur in Frankfurt und Deutschland ist zudem in einem Buchprojekt festgehalten: „Am Anfang war der Technoclub“, verfügbar bei Amazon. Tallas Managerin und Ehefrau Wafa kümmert sich um Booking, Verträge und Öffentlichkeitsarbeit – und hat selbst erlebt, wie diese Szene Geschichte schreibt. Ihr Fazit von der Loveparade: „Wir schreiben hier gerade Geschichte.“ Recht hatte sie.
Frankfurt kann so viel mehr als Finanzen und Skyline. Frankfurt hat den Techno erfunden – und Talla 2XLC hat ihn in die Welt getragen. Das ist der Sound dieser Stadt. Jetzt reinhören!






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