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Startbahn West: Als der Frankfurter Wald zum Schlachtfeld wurde

Wie der Bau der Startbahn West Frankfurt jahrelang spaltete: Hüttendorf, Blut-Sonntag und der lange Kampf einer Bürgerbewegung gegen den Flughafenausbau.

Redaktion
·
29. Oktober 2026
Bild ist mit Hilfe von KI generiert
Zuletzt aktualisiert: vor 3 Stunden

Der Konflikt, der Frankfurt und Hessen jahrelang spaltete

Der Sound der Weltstadt hat auch seine lauten, unbequemen Kapitel. Eines davon: die Startbahn West am Frankfurter Flughafen. Am 22. Juli 1980 wird der Bau angeordnet, wie der WDR in seiner Sendung Zeitzeichen berichtet. Was folgt, ist einer der längsten und härtesten Konflikte zwischen Wirtschaft und Umweltschutz, den die Bundesrepublik je erlebt hat. Auf der einen Seite die hessische SPD/FDP-Landesregierung, die mit der neuen Startbahn vor allem das Wirtschaftswachstum der Region ankurbeln will. Auf der anderen Seite Bürger, die einen wertvollen Wald und ihr Naherholungsgebiet verteidigen – und sich gegen massive zusätzliche Lärmbelastung wehren.

Vom Pfarrer-Brief zur Massenbewegung

Dabei reichen die Wurzeln des Protests viel weiter zurück, als man denkt. Schon 1964 schreibt der damals 36-jährige Pfarrer Kurt Oeser aus Mörfelden einen Brief an den hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn, wie evangelisch.de schildert. Seine Botschaft: Die Lebensqualität der Menschen dürfe nicht wirtschaftlichen Interessen geopfert werden. 1965 gründet er die „Interessengemeinschaft zur Bekämpfung des Fluglärms“ – der Startschuss für eine Bewegung, die Jahrzehnte später zu einer der größten Bürgerbewegungen der Bundesrepublik heranwächst.

Richtig Fahrt nimmt der Protest Ende der 70er Jahre auf. Im Herbst 1979 kommen bei einer ersten „Waldbegehung“ rund 200 Menschen zusammen. Aus einzelnen Spaziergängen wird eine breite Allianz – evangelisch.de beschreibt sie als Bündnis der „Grauhaarigen und Langhaarigen“. Ab Mai 1980 entsteht im bedrohten Wald ein regelrechtes Hüttendorf, mit eigener Bibliothek, Schreibwerkstatt und sogar einer Hüttenkirche der Gemeinden Waldorf und Mörfelden. Jeden Mittwoch nach der Arbeit sind Aktivisten vor Ort, versorgt von der Waldorfer „Küchenbrigade“.

Eskalation und Gewalt

Was zunächst kreativ und größtenteils gewaltfrei beginnt, kippt 1981. Die Spannungen zwischen Demonstranten und Polizei nehmen zu, es kommt immer wieder zu Zusammenstößen. Als besonders dunkler Tag gilt der 11. Oktober 1981, der „Blut-Sonntag“: Bei einer Demonstration mit rund 15.000 Teilnehmern und anschließendem Gottesdienst eskaliert die Lage, mehrere Demonstranten und Polizisten werden teils schwer verletzt. Am 2. November 1981 räumt die Polizei schließlich das Hüttendorf – auch hier mit Ausschreitungen auf beiden Seiten. Nur die Hüttenkirche bleibt erhalten, wird fachgerecht abgebaut und später auf Kirchentagen in Hannover und Düsseldorf wieder aufgebaut. Seit 1986 steht sie zwischen Waldorf und Mörfelden und erinnert bis heute an den Protest.

Der Höhepunkt in Wiesbaden – und das Ende vor Gericht

Am 14. November 1981 übergeben die Startbahn-Gegner die Unterschriften für ein Volksbegehren – begleitet von der größten Anti-Startbahn-Demonstration überhaupt: 150.000 Menschen versammeln sich in Wiesbaden. Doch der juristische Weg führt ins Leere: Im Januar 1982 erklärt der Hessische Staatsgerichtshof das Volksbegehren für unzulässig, da der Bau auf Bundesrecht zurückgehe, das Vorrang vor hessischem Landesrecht habe. Die Startbahn West wird daraufhin zügig fertiggestellt. Am 12. April 1984 hebt um 9:25 Uhr die erste Maschine ab, ein Lufthansa-Airbus Richtung Paris. Das endgültige Ende der jährlichen Gedenkaktionen der Bewegung markiert der 2. November 1987, als ein Demonstrant zwei Polizisten erschießt – ein Ereignis, das mit dem ursprünglichen Protest nichts mehr zu tun hat.

Was von der Bewegung bleibt

Heute werden laut Flughafensprecher Wolfgang Schwalm etwa 60 Prozent aller Starts über die Startbahn West abgewickelt. Die Zahl der Flugbewegungen stieg von 1984 bis 2008 von 227.000 auf 486.000, die Zahl der Arbeitsplätze am Flughafen verdoppelte sich im selben Zeitraum von rund 34.000 auf etwa 70.000. Zahlen, die aus Sicht der einstigen Befürworter ihr Hauptargument bestätigen. Und doch hat die Bewegung Spuren hinterlassen, die über den Wald hinausreichen: Sie gilt als mitverantwortlich dafür, dass die Grünen 1981 in viele südhessische Kommunalparlamente einziehen und 1982 auch in den Landtag. Der Konflikt um den Flughafenausbau ist mit dem Bau der Startbahn West nicht erledigt – das Ringen um die nächsten Ausbaustufen geht bis heute weiter. Das beste Programm im Main-Gebiet erinnert an ein Kapitel Frankfurter Geschichte, das zeigt: Hier wurde hart gekämpft – um Heimat, Umwelt und die Zukunft der Region.

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