
Das MAK Frankfurt zeigt mit „On Display
Stell dir vor, du lebst mit einem Grafikdesigner zusammen – und weißt trotzdem nicht, was er den ganzen Tag macht. Kurator Jonas Deuter kennt genau dieses Gefühl. Seine ehemalige Mitbewohnerin hatte ein Aquarium im Wohnzimmer. Daneben stand eine Fischfutterdose – gestaltet von der Firma, bei der Deuter in seiner Ausbildung gearbeitet hatte. „So etwas zum Beispiel“, erklärte er. Seine Mitbewohnerin war verblüfft: Dass da jemand sitzt und sich fragt, wie eine Fischfutterdose aussehen könnte – und dass dahinter ein langer Prozess steckt, bis sie im Regal steht.
Genau darum geht es in der Ausstellung „On Display. Wie Grafikdesign uns gestaltet“ im Museum Angewandte Kunst (MAK) Frankfurt. Die Schau ist ein Beitrag zur World Design Capital und will Gestaltungsprozesse sichtbar machen. Denn: Wir sehen täglich das Produkt – aber selten, wie und warum es entstanden ist. Ob beim Scrollen durch den Newsfeed, beim Griff zur Supermarktverpackung oder wenn uns Schilder und Karten den Weg weisen. Grafikdesign beeinflusst, lenkt, schult – und manipuliert.
Das macht die raumfüllende Infografik „Design Macht Wissen“ von Robin Coenen und Danielle Rosales deutlich. In vier Abschnitten – „Menschen“, „Gesellschaften“, „Welten“ und „Systeme“ – zeigen Fallstudien an den Wänden, wie Grafiken Wirklichkeiten nicht nur abbilden, sondern aktiv konstruieren.
Ein Beispiel: Vom Mittelalter bis zur Moderne gab es immer wieder Versuche, Menschen zu schematisieren. Lange Zeit wurden dabei nur Männer berücksichtigt. Spätere Versuche, Frauen einzubeziehen, wirken beinahe ironisch – etwa der unbeholfene Versuch, den berühmten Piktogrammen von Otl Aicher, die er für die Olympischen Spiele 1972 entwarf, eine weibliche Form entgegenzusetzen: einfach zwei Kreise ergänzt, die Brüste andeuten sollen. Nicht weniger erschreckend: eine Darstellung eines Sklavenschiffs von 1788, auf der dicht gedrängte Figuren zeigen, wie viele Menschen auf das Schiff von Liverpool in die Karibik gepfercht werden konnten.
Doch Design kann auch Gutes bewirken. Die Karte des Londoner Arztes John Snow machte während eines Cholera-Ausbruchs im 19. Jahrhundert gehäufte Todesfälle rund um eine Wasserpumpe sichtbar – ein Meilenstein der Epidemiologie. Und das Kurvensymbol „Flatten the Curve“ aus der Corona-Pandemie dürfte vielen noch bestens vertraut sein.
Besonders spannend wird es im Kapitel „Welten“: Hier zeigt die Ausstellung, wie Bilder unser Weltbild formen. Alexander von Humboldts frühe Vermessung der Welt ist ebenso zu sehen wie Unterseekabel, die dem Begriff „Cloud“ eine physische Dimension geben. Und dann ist da noch „Blue Marble“ – die weltberühmte Apollo-17-Aufnahme der Erde von 1972. Was kaum jemand weiß: Die NASA hat sie nachträglich um 180 Grad gedreht. Das Original zeigte den Südpol oben und den Nordpol unten – weil es im Weltall kein Oben und Unten gibt.
Wohin entwickelt sich Grafikdesign in Zeiten von Künstlicher Intelligenz? Diese Frage lässt Kurator Deuter bewusst offen. Eine künstlerische Arbeit steht für die atemberaubend schnelle Entwicklung: Sophia Becker zeigt in ihrer Arbeit „re constructed“ – zusammen mit der Filmemacherin Aline Bavier – surreale, verfremdete Kindheitserinnerungen auf zwei Bildschirmen. Das Einzige, was daran echt ist, sind ein paar Fotografien, die Becker als Mädchen zeigen. Der Rest ist KI-generiert. Spätestens beim Bild der jungen Becker, umflattert von Dutzenden Motten, dürfte klar sein: Das ist nicht echt.
Abgerundet wird die Schau durch Säulen – massive, bereits bestehende, und aus Pappmaché nachgebaute –, auf denen die Künstlerinnen Anja Kaiser und Rebecca Stephany Texte aus dem „Glossary of Undisciplined Design“ angebracht haben. Der vielleicht abstrakteste, aber auch poetischste Raum der Ausstellung. Und der Instagram-tauglichste: Besucherinnen machen Selfies davor, andere lesen die Texte, unterhalten sich. Genau das ist das Ziel – Designer wie Laien einzuladen, sich mit Grafikdesign und seiner Wirkung auseinanderzusetzen.
Parallel läuft im MAK die Ausstellung „Adler, Orden, Wahlurne“, die nach der Wirkmacht politischer Symbole der Bundesrepublik fragt. Drei Jahre lang haben Forscher und Designer Abgeordnete begleitet, um die Demokratie zu „redesignen“. Thema ist unter anderem der Bundesadler von 1953 – im Volksmund auch „fette Henne“ genannt – aus dem Plenarsaal des Bundestags. Ob Butteradler, Pixel-Adler oder Eintracht-Adler als Gegenmodell wirklich tief genug graben, sei dahingestellt.
Ein echter Hingucker ist aber der Gegenentwurf zur als demokratieschädigend empfundenen Mülltonnen-Wahlurne mancher Kommunen: eine Tonne im Bembel-Design mit der Aufschrift „Bevor isch misch uffresch, geh ich lieber wählen #seikeinbappsack“. Typisch Frankfurt – und dabei steckt mehr politische Aussage drin, als man auf den ersten Blick denkt.
„On Display“ ist noch bis zum 8. November zu sehen, „Adler, Orden, Wahlurne“ läuft bis zum 21. Februar. Beide Ausstellungen im Museum Angewandte Kunst Frankfurt sind ein Muss für alle, die verstehen wollen, wie Bilder, Symbole und Gestaltung unser Denken und unsere Welt prägen. Also: Hingehen, hinterfragen, staunen – der Sound der Weltstadt wartet auf euch!






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