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Gastarbeiter-Schicksale in Neu-Isenburg: Zeitzeugen erinnern sich

Zeitzeugen erinnern sich in Neu-Isenburg an Gastarbeiter-Schicksale: Was bedeutet Heimat, wenn man alles zurückgelassen hat?

Redaktion
·
12. August 2026
Bild ist mit Hilfe von KI generiert
Zuletzt aktualisiert: vor 3 Stunden

Wenn Erinnerungen lebendig werden

Im Waldspielpark Tannenwald in Neu-Isenburg ist es ein besonderer Vormittag. Begleitet vom Plätschern der Wasserspiele und dem Lachen spielender Kinder sitzen neun Personen im Park-Café zusammen – und reden über etwas, das viele von uns nie erleben mussten: die Frage, was Heimat eigentlich bedeutet. Der Anlass ist das 20. Jubiläum der Ausstellung und des Buches „Vom Weggehen und Ankommen“, das im Jahr 2006 die Geschichten von Menschen sichtbar gemacht hat, die infolge des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland eingewandert und in Neu-Isenburg geblieben sind. Zwanzig Jahre später stellt sich die Runde die Frage: Was hat sich seitdem verändert?

Polixena Paga: Angekommen in einer fremden Welt

Zwei der Zeitzeuginnen von damals sind auch heute dabei: Polixena Paga und Zdenka Ilicic. Ihre verkürzten Lebensgeschichten sind auf Schautafeln unweit des Tannenwalds zu lesen – und sie sind alles andere als leichte Kost.

Polixena Pagas Geschichte beginnt 1963. Sie ist 19 Jahre alt, frisch verheiratet – mit einem Mann, den sie kaum kennt, der in Deutschland auf sie wartet. „Ich habe die ganze Reise nur geheult und nichts gegessen“, ist auf ihrer Tafel zu lesen. „Ich wollte nach Deutschland, aber nicht zu diesem fremden Mann.“ In Neu-Isenburg angekommen, arbeitet sie in verschiedenen Fabriken, baut Bettrahmen und Kühlschränke, zieht mehrmals um – immer in Wohnungen ohne Bad. Jeden Freitag geht sie mit anderen Griech:innen zu den alten Stadtwerken, um zu duschen. Als 1974 die Militärdiktatur in Griechenland endet, ist die Aufbruchsstimmung in der griechischen Gemeinschaft Neu-Isenburgs spürbar – der griechische Verein wird gegründet.

„Früher war der Zusammenhalt unter den Griechen stärker“, bilanziert Paga heute. Nikolaos Michos, Vorsitzender des Ausländerbeirats und selbst griechischer Herkunft, stimmt ihr zu: „Die Gründe, zusammenzuhalten, waren damals größer. Die Leute konnten die Sprache nicht und mussten sich gegenseitig unterstützen.“ Bei Kindern und Enkeln der ehemaligen Gastarbeiter sei das heute anders – wobei Michos beobachtet, dass wieder mehr junge Griech:innen nach Neu-Isenburg kommen und versuchen, an ihre Wurzeln anzuknüpfen.

Zdenka Ilicic: Heimat ist dort, wo man bleibt

Zdenka Ilicic kommt 1971 als Neunjährige nach Neu-Isenburg – kein Wort Deutsch, mitten ins Schuljahr. Die Mutter einer Mitschülerin nimmt sie nach Hause, hilft ihr bei den Hausaufgaben. Später schafft sie es aufs Gymnasium. Dann, Anfang der 90er-Jahre, wird ihr Vater in der Kirchstraße ermordet. „Wir haben ihn hier begraben“, schreibt sie. „Meine Heimat ist hier, Neu-Isenburg. Ich würde von hier auch nicht wegziehen wollen. Wohin auch?“

Ilicic ist heute jemand, der von vielen Seiten als fremd wahrgenommen wird – kroatische Eltern, Serbisch als Sprache, Deutschland als Lebensmittelpunkt. „Ich bin überall fremd“, sagt sie. Viele in der Runde kennen dieses Gefühl. „Mein Vater hat, glaube ich, auch wegen seiner Herkunft sein Leben verloren“, fügt sie hinzu.

Das Sommermärchen 2006 als Schlüsselmoment

Die Frage, was sich seit der Ausstellung verändert hat, führt die Runde schnell zum Fußball. „Früher war es so, dass man als Ausländer bei der Fußball-WM gegen Deutschland war“, erzählt Ilicic. „Das hat sich 2006 geändert.“ Die Euphorie des Sommermärchens sei auch auf die Eingewanderten übergeschwappt – ein Moment, den viele in der Runde als echten Wendepunkt empfinden.

Zum Leben erweckt werden die Geschichten an diesem Vormittag von Sozialwissenschaftlerin Beatrice Ploch, die vor 20 Jahren zum Team gehörte, das die Ausstellung und das Buch realisiert hat. „Ich habe keine Ahnung, wie es ist, wenn man zu Hause von der Familie weggehen und woanders neu ankommen muss“, sagt die Neu-Isenburgerin. „Aber das hat mich schon immer interessiert.“

Eine weitere Tafel im Wald erinnert übrigens an Chehab Zeidan aus Palästina, der seine Geschichte 2006 ebenfalls geteilt hat – und zwei Jahre nach der Ausstellung verstarb.

Heimat ist da, wo man verstanden wird

Am Ende verlässt Nikolaos Michos das Treffen mit einem Zitat von Kurt Tucholsky, das für andächtiges Nicken in der Runde sorgt: „Die Heimat eines Menschen ist nicht sein Geburtsort, sondern da, wo er verstanden wird.“ Eine Antwort auf die Frage, ob Anpassung an ein neues Land etwas Gutes oder Schlechtes ist, bleibt die Runde schuldig. Aber vielleicht ist genau das der Punkt – manche Fragen brauchen keine einfache Antwort. Sie brauchen Menschen, die sich erinnern. Und andere, die zuhören.

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