
Frankfurt schickte Kinder in den 50er bis 70er Jahren ins Kinderheim Schloss Wolfsmünster – mit Dunkelkammer, Ratten und Betäubungsmitteln.
Was klingt wie ein Märchen, war für viele Kinder ein Albtraum: Die Stadt Frankfurt schickte in den 50er, 60er und 70er Jahren Kinder ins bayerische Schloss Wolfsmünster – ein sogenanntes „Fürsorgeheim“ im unterfränkischen Gemünden. Jungen und Mädchen, die keine Eltern mehr hatten, vertrieben oder wohnungslos waren, lebten dort in Gruppen von rund 35 Kindern. Was sie erlebten, war in vielen Fällen alles andere als fürsorglich.
Harte Strafen, Redeverbote, teilweise gewalttätiges Verhalten der Erzieherinnen und sogar die Gabe von Betäubungsmitteln gehörten zum Heimalltag. Aufgearbeitet wurden diese Ereignisse von der Stadt Frankfurt bis heute nie. Das Schloss gehört noch immer der Stadt – steht aber seit zwei Jahrzehnten leer.
Einer, der das alles am eigenen Leib erfahren hat, ist der heute 80-jährige Heinz-Norbert Schäfer. Im Frankfurter Marien-Krankenhaus geboren, wurde er bereits mit zweieinhalb Jahren in ein Kinderheim gebracht – von den Behörden als „verwahrlost“ oder „sozial gestört“ eingestuft. Es folgten fast ein Dutzend verschiedene Einrichtungen, bevor er als 20-Jähriger 1966 aus einem Jugendwohnheim abhaute.
Allein in Schloss Wolfsmünster verbrachte Schäfer viereinhalb Jahre – von April 1952 bis Oktober 1956, also als Sechs- bis fast Elfjähriger. Seine Erinnerungen hat er aufgeschrieben. Der Bericht liegt der Frankfurter Rundschau in Auszügen vor – und er ist erschütternd.
„Es war verboten, vor dem Wecken mit weiteren erwachten Kindern zu sprechen“, schildert Schäfer. „Damit begann jeder Heimtag mit Angst und Vorsicht vor Strafen.“ Beim Frühstück, Mittag- und Abendessen herrschte Redeverbot. Wer kleckerte oder unerlaubt sprach, wurde bestraft.
Die Strafen waren drastisch: Strafarbeiten im Klostergarten, Bettstrafen – und Eingesperrtsein in einer Dunkelkammer. Besonders prägend: die Strafe, alleine im Kartoffelkeller Kartoffeln zu entkeimen. „Allein in den unterirdischen Gewölben im trüben Licht Kartoffeln zu entkeimen, die piepsenden, vorbeihuschenden Ratten zu hören und zu sehen, machte mir Angst“, schreibt Schäfer. Dazu erschütterte die vorbeifahrende Eisenbahn die Gewölbe, und Strudelgeräusche unterirdischer Wasserläufe verstärkten die Panik des kleinen Jungen.
Auch die einfachsten Dinge waren unwürdig geregelt: Die Außentoiletten waren „primitive Toilettenkammern“ ohne Waschbecken oder Wasserspülung. Bevor die Kinder eintraten, mussten sie klopfen und rütteln – damit Ratten und Mäuse zurück in den angrenzenden Schweinestall flüchteten.
Besonders bitter: Der Kontakt zu Verwandten wurde nicht gefördert, sondern gezielt torpediert. Schäfer erfuhr später aus Akten, dass seine Großeltern bereits im Mai 1954 Urlaub für ihn beantragt hatten. Die Heimleiterin ließ die Ferien verstreichen und antwortete den Großeltern erst im Oktober. Ein „Milieuwechsel“ würde „ungünstige Auswirkungen“ haben, hieß es. Der kleine Heinz-Norbert glaubte derweil, er habe keine Verwandten mehr.
Erst im Sommer 1955 – mit einem Jahr Verspätung – durfte er eine Woche bei seinen Großeltern verbringen. Er lernte seine Schwester kennen und erlebte Zuneigung, Vertrauen, Zugehörigkeit. „Mir wurde bewusst, dass ich eine Familie habe und gerne bleiben wollte“, schreibt er. Doch prompt bewertete die Heimleitung im Bericht ans Jugendamt: „Der Urlaub wirkte sich sehr ungünstig auf den Jungen aus.“
Am 11. Oktober 1956 verließ Schäfer Wolfsmünster. Die Worte der Heimleiterin bei seiner Ablieferung im Frankfurter Gesundheitsamt hat er bis heute nicht vergessen: „Jetzt kommst du in ein Erziehungsheim, damit du Zucht und Ordnung lernst.“
Trotz allem fand Heinz-Norbert Schäfer seinen Weg: Er arbeitete als Schuhverkäufer beim Kaufhof, wo er von 1966 bis Ende 2008 beschäftigt war. Heute kämpft er darum, dass seine Geschichte gehört wird. Unterstützt wird er von seinem Nachbarn Helfried Gareis, der selbst unter der Heimerziehung litt. Gemeinsam haben sie Schäfers Erlebnisse aufgeschrieben – mit dem Ziel, sie als Buch herauszubringen.
„Das Fürsorgeheimwesen der Nachkriegszeit war, wie das Beispiel Kinderheim Wolfsmünster zeigt, durch Ächtung der Heimkinder und Vernachlässigung jeglicher Förderung ein einziger Skandal“, schreibt Gareis. Schäfers Bericht bestätige „das von Tausenden Heimopfern beklagte Schreckensbild“.
Frankfurt hat diese Geschichte nie aufgearbeitet. Das Schloss steht leer. Die Erinnerungen der Betroffenen aber nicht.






Wir schätzen Ihren Beitrag! Wenn Sie Fragen haben, uns Feedback geben oder einfach nur Hallo sagen möchten, steht Ihnen unser Team gerne zur Verfügung. Bitte zögern Sie nicht, uns über das unten angegebenen Kontaktformular zu kontaktieren.
Dein Beitrag für Radio Frankfurt
Kommentar verfassen
Teilen Sie uns Ihr Anliegen mit. Wir prüfen Ihren Beitrag und veröffentlichen ihn nach Freigabe.