Frankfurts zerstörte Synagoge an der Friedberger Anlage ist nun virtuell erlebbar – per Fernrohr, Film und VR-Brille.
Das Projekt ist kein neues Thema für uns – in einem früheren Beitrag haben wir euch bereits über das „Fernrohr in die Vergangenheit“ an der Friedberger Anlage berichtet. Jetzt ist es so weit: Die feierliche Eröffnung hat stattgefunden – und die war alles andere als eine leere Zeremonie. Sie war eine Mahnung, ein Staunen und ein emotionaler Moment zugleich.
Rund hundert Menschen versammelten sich am 1. September zur Eröffnung im Hochbunker an der Friedberger Anlage. Große und kleine Besucher drängten sich ans Fernrohr, schauten hindurch – und sahen die Synagoge, die seit der Pogromnacht 1938 nicht mehr existiert. Ein Moment, der laut Augenzeugen für Staunen und Lächeln sorgte. Das Fernrohr steht kostenlos und rund um die Uhr zur Verfügung – sogar wer spätabends noch mit dem Rad vorbeifährt, kann einen Blick in die Vergangenheit werfen.
Was das Projekt so besonders macht: Es bleibt nicht bei einem einfachen Fernrohr. Wer eine VR-Brille aufsetzt, taucht buchstäblich in die Synagoge ein – spürt den Raum, sieht die Farben, die Details. Als wäre man selbst 1907 dabei, als das Gotteshaus eröffnet wurde. Die virtuelle Rekonstruktion basiert auf alten Fotos, Lageplänen und Textquellen und zeigt, wie die Synagoge einst aussah: 1.000 Männer im Parterre, 600 Frauen auf der Empore. Drei Elemente lassen das Bauwerk gemeinsam auferstehen: das Fernrohr, ein Film und die VR-Brillen.
Hinter dem Projekt steckt jahrzehntelange Arbeit. TU-Darmstadt-Dozent Marc Grellert hatte die Idee schon 1994, nach einem Neonazi-Anschlag auf eine Synagoge in Lübeck: Eine virtuelle Rekonstruktion könnte das Interesse der Bevölkerung wecken, dachte er damals. Unterstützt wird das Forschungsprojekt der Technischen Universität Darmstadt durch die Stiftung Giersch. Dass er dreißig Jahre später in einem politischen Klima präsentieren würde, in dem eine rechtsextreme Partei an der Schwelle zur absoluten Mehrheit in einem Bundesland steht – das habe er sich damals nicht vorstellen können, sagte er bei der Eröffnung.
Marc Grünbaum vom Vorstand der Frankfurter Jüdischen Gemeinde erzählte beim Eröffnungsabend von persönlicher Familiengeschichte: Sein Vater war genau am 1. September – dem Tag des deutschen Einmarsches in Polen – mit einem Zug in seine polnische Heimatstadt unterwegs. Grünbaum sprach auch von seinen Großeltern und der letzten Trauung in der Synagoge vor der Pogromnacht. „Heute ist ein wichtiger Tag, um diesen Ort im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern“, sagte er. „Wir wollen das Andenken nicht nur der Synagoge bewahren, sondern auch der Ideen, die in diesem Haus entstanden.“
Renata Berlin vom Vorstand der Initiative 9. November zitierte den Auschwitz-Überlebenden Primo Levi: „Es ist geschehen, folglich kann es wieder geschehen. Es liegt an uns allen, es zu verhindern.“ Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) betonte: „Heute dürfen wir erleben, wie ein Stück jüdischer Stadtgeschichte wieder lebendig wird.“ Und sie mahnte: „Die Demokratie darf nicht weiter ausgehöhlt und untergraben werden.“
Das ist noch nicht alles: Insgesamt acht Frankfurter Synagogen sollen im Rahmen des deutschlandweiten Projekts virtuell rekonstruiert werden. Die ehemaligen Häuser am Börneplatz und in Höchst sind bereits online unter virtuelle-synagogen.de zu sehen. Die Synagoge an der Friedberger Anlage ist also erst der nächste Schritt in einem größeren Gedächtnisprojekt, das Frankfurt und seine jüdische Geschichte sichtbar hält.
Ihr wollt selbst reinschauen oder mehr über die Initiative erfahren? Alle Infos gibt es auf initiative-neunter-november.de. Der Eintritt ist kostenlos – und das Erlebnis bleibt garantiert im Kopf. Frankfurt erinnert sich. Und das ist gut so.






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