Studio-Hotline 069–669 669 0

Auferstehung einer Synagoge: Frankfurts Erinnerungsort bekommt ein Gesicht

Frankfurts zerstörte Synagoge an der Friedberger Anlage ist nun virtuell erlebbar – per Fernrohr, Film und VR-Brille.

Redaktion
·
2. September 2026
Bild ist mit Hilfe von KI generiert
Zuletzt aktualisiert: vor 8 Minuten

Ein Abend, der unter die Haut geht

Das Projekt ist kein neues Thema für uns – in einem früheren Beitrag haben wir euch bereits über das „Fernrohr in die Vergangenheit“ an der Friedberger Anlage berichtet. Jetzt ist es so weit: Die feierliche Eröffnung hat stattgefunden – und die war alles andere als eine leere Zeremonie. Sie war eine Mahnung, ein Staunen und ein emotionaler Moment zugleich.

Rund hundert Menschen versammelten sich am 1. September zur Eröffnung im Hochbunker an der Friedberger Anlage. Große und kleine Besucher drängten sich ans Fernrohr, schauten hindurch – und sahen die Synagoge, die seit der Pogromnacht 1938 nicht mehr existiert. Ein Moment, der laut Augenzeugen für Staunen und Lächeln sorgte. Das Fernrohr steht kostenlos und rund um die Uhr zur Verfügung – sogar wer spätabends noch mit dem Rad vorbeifährt, kann einen Blick in die Vergangenheit werfen.

Virtuell erlebbar: Farben, Details, sogar die Hausmeisterwohnung

Was das Projekt so besonders macht: Es bleibt nicht bei einem einfachen Fernrohr. Wer eine VR-Brille aufsetzt, taucht buchstäblich in die Synagoge ein – spürt den Raum, sieht die Farben, die Details. Als wäre man selbst 1907 dabei, als das Gotteshaus eröffnet wurde. Die virtuelle Rekonstruktion basiert auf alten Fotos, Lageplänen und Textquellen und zeigt, wie die Synagoge einst aussah: 1.000 Männer im Parterre, 600 Frauen auf der Empore. Drei Elemente lassen das Bauwerk gemeinsam auferstehen: das Fernrohr, ein Film und die VR-Brillen.

Hinter dem Projekt steckt jahrzehntelange Arbeit. TU-Darmstadt-Dozent Marc Grellert hatte die Idee schon 1994, nach einem Neonazi-Anschlag auf eine Synagoge in Lübeck: Eine virtuelle Rekonstruktion könnte das Interesse der Bevölkerung wecken, dachte er damals. Unterstützt wird das Forschungsprojekt der Technischen Universität Darmstadt durch die Stiftung Giersch. Dass er dreißig Jahre später in einem politischen Klima präsentieren würde, in dem eine rechtsextreme Partei an der Schwelle zur absoluten Mehrheit in einem Bundesland steht – das habe er sich damals nicht vorstellen können, sagte er bei der Eröffnung.

Stimmen, die bewegen

Marc Grünbaum vom Vorstand der Frankfurter Jüdischen Gemeinde erzählte beim Eröffnungsabend von persönlicher Familiengeschichte: Sein Vater war genau am 1. September – dem Tag des deutschen Einmarsches in Polen – mit einem Zug in seine polnische Heimatstadt unterwegs. Grünbaum sprach auch von seinen Großeltern und der letzten Trauung in der Synagoge vor der Pogromnacht. „Heute ist ein wichtiger Tag, um diesen Ort im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern“, sagte er. „Wir wollen das Andenken nicht nur der Synagoge bewahren, sondern auch der Ideen, die in diesem Haus entstanden.“

Renata Berlin vom Vorstand der Initiative 9. November zitierte den Auschwitz-Überlebenden Primo Levi: „Es ist geschehen, folglich kann es wieder geschehen. Es liegt an uns allen, es zu verhindern.“ Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) betonte: „Heute dürfen wir erleben, wie ein Stück jüdischer Stadtgeschichte wieder lebendig wird.“ Und sie mahnte: „Die Demokratie darf nicht weiter ausgehöhlt und untergraben werden.“

Mehr Synagogen sollen folgen

Das ist noch nicht alles: Insgesamt acht Frankfurter Synagogen sollen im Rahmen des deutschlandweiten Projekts virtuell rekonstruiert werden. Die ehemaligen Häuser am Börneplatz und in Höchst sind bereits online unter virtuelle-synagogen.de zu sehen. Die Synagoge an der Friedberger Anlage ist also erst der nächste Schritt in einem größeren Gedächtnisprojekt, das Frankfurt und seine jüdische Geschichte sichtbar hält.

Ihr wollt selbst reinschauen oder mehr über die Initiative erfahren? Alle Infos gibt es auf initiative-neunter-november.de. Der Eintritt ist kostenlos – und das Erlebnis bleibt garantiert im Kopf. Frankfurt erinnert sich. Und das ist gut so.

Quellen

Artikel teilen
Hilf uns, lokale Nachrichten zu verbreiten.

Dein Beitrag für Radio Frankfurt

Ob Meinung, Hinweis oder persönliche Geschichte: Reiche deinen Kommentar ein. Unsere Redaktion prüft deinen Beitrag vor der Veröffentlichung.
Einsatz von KI
Dieser Beitrag wurde mithilfe künstlicher Intelligenz auf Grundlage redaktionell ausgewählter Quellen erstellt, mehrstufig geprüft und vor der Veröffentlichung durch unsere Redaktion freigegeben. KI-generierte Bilder sind entsprechend gekennzeichnet.

Das könnte dich auch interessieren

Diskutiere mit!
Anonym und ganz ohne Anmeldezwang!
Alle Kommentare werden von unserer Redaktion im Vorfeld geprüft.
Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

1
Kontakt
2
Unterlagen
3
Datenschutz
WhatsApp vorhanden?
    Datenschutz*

    Kontaktformular

    Wir schätzen Ihren Beitrag! Wenn Sie Fragen haben, uns Feedback geben oder einfach nur Hallo sagen möchten, steht Ihnen unser Team gerne zur Verfügung. Bitte zögern Sie nicht, uns über das unten angegebenen Kontaktformular zu kontaktieren.