
„Der Abend vor dem Danach
Frankfurt bekommt gerade Theater, das wehtut – und das ist gut so! In den Kammerspielen des Schauspiel Frankfurt läuft derzeit „Der Abend vor dem Danach“ von Lisa Wentz, einem Stück, das ein drängendes gesellschaftliches Thema auf die Bühne bringt: sexualisierte Gewalt gegen Frauen, das Schweigen drumherum und die Strukturen, die Täter schützen und Opfer stigmatisieren. 90 Minuten, denen ihr gebannt folgt – versprochen.
Lisa Wentz, Jahrgang 1995, hat ihre Karriere als Autorin in Deutschland mit dem Jugendstück „Aschewolken“ begonnen. In ihrer Heimat Österreich ist sie längst zur „Stardramatikerin“ aufgestiegen: Ihre Stücke werden am Burgtheater inszeniert, und für die Familienbiographie „Adern“ – die in der Tiroler Bergbauregion um Schwaz, ihre Heimatstadt, spielt – hat sie den renommierten Nestroy-Preis gewonnen. Das Schauspiel Frankfurt ist nun das erste deutsche Haus, das ihr einen Stückauftrag erteilt hat. Ein starkes Zeichen!
Im Mittelpunkt steht Alexandra, eine junge Frau, die Jahre zuvor betäubt und vergewaltigt wurde. Die Gewalt, die ihr angetan wurde, lebt in ihr weiter – „wie ein Tier, das jeden verletzt, der mir zu nahe kommt“, wie es im Stück heißt. „Ich will dir die Gewalt zurückgeben“, sagt Alexandra an einem Abend, an dem vier Menschen aufeinandertreffen: Sie selbst und ihr älterer, reicher Partner Gabriel (Sebastian Kuschmann), dazu Gabriels rechte Hand Luca (Isaak Dentler) und dessen Ehefrau Irene (Manja Kuhl).
Was folgt, ist ein bürgerliches Enthüllungsdrama im Kammerformat. Erst parliert man klischeebeladen über teuren Wein und bevorstehende Deals, dann steigt der Alkoholpegel – und mit ihm die Enthüllungen. Da war ein sexueller Übergriff in Gabriels Firma. Natürlich musste die Frau gehen. Wentz hat genau hingehört, wie über Frauen gesprochen wird – auch in deren Gegenwart, auch von anderen Frauen. Irene, die Ärztin und Ehefrau, legt dabei den weitesten Bogen des Abends zurück: Sie muss sich als Ehefrau zu einem Täter verhalten und als Ärztin und Geschlechtsgenossin zu einem Opfer. Ihr Schweigen ist so beredt wie ihr Schlechtmachen der jungen Alexandra.
Regisseurin Susanne Frieling inszeniert das Stück minimalistisch – und das ist eine kluge Entscheidung. Ob Alexandras Kastrationsphantasien am Ende in die Tat umgesetzt werden, bleibt bewusst offen. Die Frage nach Selbstjustiz steht als letztes Kapitel im Raum. Auf den spiegelnden Flächen der Bühne (Bühne: Florian Schaumberger), mit den Macher-Outfits der Herren und den knallroten, mit Schlitzen versehenen Kleidern der Frauen (Kostüme: Elisabeth Weiß) entfaltet sich ein Abend, der manchmal eine Spur zu konstruiert wirkt. Die hyperrealen Einsprengsel Frielings – Tanzeinlagen, zerschellende Gläser, ein zerrupftes Brathuhn – fügen sich nicht immer nahtlos ein.
Und doch: Mit der düsteren Realität, die dieser Abend ins Bewusstsein hebt, muss man sich nach dem Schlussapplaus beschäftigen. Das ist es, was gutes Theater ausmacht.
Ihr wollt selbst erleben, was Frankfurt gerade auf der Bühne bewegt? Die nächsten Vorstellungen von „Der Abend vor dem Danach“ finden am 19. September und am 5. Oktober in den Kammerspielen des Schauspiel Frankfurt statt. Holt euch rechtzeitig eure Tickets – das ist ein Abend, über den ihr noch lange reden werdet!






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