
Buchmesse Frankfurt: Leseschwäche, KI-Bedrohung und der Frankfurter Appell von 120 Verlagen gegen Big Tech – das prägt die 78. Ausgabe der Weltstadt des Wortes.
Die Frankfurter Buchmesse läuft und ihr merkt schon: Dieses Jahr geht’s um mehr als nur neue Bücher. Bis Sonntag werden mehr als eine Viertelmillion Besucher in unserer Stadt erwartet, und die Themen haben’s in sich: Leseschwäche bei jungen Leuten und die Macht der großen Tech-Konzerne. Frankfurt ist eben nicht nur die Buchhauptstadt, sondern gerade auch die Stadt, in der die großen Fragen unserer Zeit verhandelt werden!
Die US-Historikerin Jill Lepore hat zum Auftakt klare Worte gefunden: Die Menschheit stehe „auf des Messers Schneide der Geschichte“. Es gehe darum, ob wir zulassen, dass Maschinen das Lesen, Schreiben und Denken für uns übernehmen. Künstliche Intelligenz bedrohe nicht nur die Kunst, sondern auch demokratische Gesellschaften, so die Pulitzer-Preisträgerin in ihrer Rede vor der Eröffnung.
Auch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer wurde bei der feierlichen Eröffnung deutlich: Die Macht von „Big Tech“ müsse mit allen Mitteln bekämpft werden. Er warb dafür, dass Europa gemeinsam gegen die Tech-Konzerne vorgeht und sprach sich für strengere Regeln bei Social Media für Kinder aus. Sein Vorschlag: Meta und Co. sollen gezwungen werden, ihre Algorithmen zu ändern. Außerdem kündigte Weimer eine neue Auszeichnung an – das „Literarische Wort des Jahres“, das 2027 erstmals vergeben werden soll, als positives Pendant zum Unwort des Jahres.
Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Sebastian Guggolz, warnte vor den Folgen der wachsenden Leseschwäche bei jungen Leuten. Laut der jüngsten Pisa-Studie fehlt jedem dritten 15-Jährigen die grundlegende Kompetenz beim Lesen. Guggolz stellte die berechtigte Frage: Wie soll man sich eine fundierte Meinung bilden, wenn man verschiedene Positionen nicht lesend verstehen und vergleichen kann?
Im Zusammenhang mit KI sprach Guggolz von einem „doppelten Raubzug“: Wenn die Politik jetzt nicht handelt, beraube uns die KI nicht nur weiterhin urheberrechtlich geschützter Werke, sondern langfristig auch unseres Denkens.
Passend dazu haben Verlage zum Messe-Auftakt Nägel mit Köpfen gemacht. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat einen „Frankfurter Appell“ veröffentlicht, den bereits 120 Verlage unterzeichnet haben, wie news.de berichtet. Die Erklärung richtet sich an die EU-Kommission, das EU-Parlament und die Bundesregierung. Gefordert werden Transparenz darüber, welche Werke für KI-Trainings genutzt werden, faire Lizenzierungsmodelle und wirksame Instrumente zur Durchsetzung des Urheberrechts.
Guggolz kritisierte laut news.de, dass KI-Unternehmen urheberrechtlich geschützte Werke ohne Einwilligung und Vergütung für ihr Training nutzen. Rechteinhaber müssten selbst aufwendig nach Belegen suchen und ihre Ansprüche in kostspieligen Verfahren durchsetzen. Seine Forderung an die Politik: schnelles und entschiedenes Handeln.
Für den scheidenden Buchmesse-Direktor Juergen Boos ist diese 78. Ausgabe nach 21 Jahren die letzte. Er geht in den Ruhestand, neuer Buchmessen-Chef wird Joachim Kaufmann, bisher Geschäftsführer des Carlsen Verlags. Boos betonte bei der Eröffnung: „Permanentes digitales Spektakel lenkt uns vom Denken ab.“ Aufmerksamkeit sei heute umkämpft, zwischen Buch und Leserschaft stünden immer mehr Plattformen und Algorithmen. Am Ende der Eröffnung wurde Boos per Videobotschaft unter anderem von Salman Rushdie verabschiedet.
Wirtschaftlich läuft es für die Branche gerade nicht rund: Der Umsatz lag 2025 mit 9,62 Milliarden Euro 2,7 Prozent unter dem Vorjahreswert, in den ersten acht Monaten 2026 ging es laut Börsenverein weiter runter. Trotzdem gab’s auch Positives zu hören: „Die Liebe zum Buch blüht nach wie vor“, so Guggolz.
Nicht alles lief harmonisch: Die Rede des tschechischen Kulturministers Oto Klempir wurde von Zwischenrufen und Pfiffen begleitet, ein Mann hielt sogar ein Plakat hoch. Tschechien ist in diesem Jahr Ehrengast der Messe. Die tschechische Autorin Radka Denemarkova hingegen wurde bejubelt, als sie sagte, Minister kämen und gingen, „aber die Literatur bleibt“. Am Montagabend wurde außerdem der Deutsche Buchpreis an Shida Bazyar für ihren Roman „Die Lücken“ verliehen.
Das Programm ist in diesem Jahr größer denn je: Auf zehn Bühnen sind mehr als 1.000 Sprecher zu erleben, darunter Wolf Biermann, Gisèle Pelicot und Pulitzer-Preisträger Colson Whitehead. Zum Abschluss nimmt der Menschenrechtsanwalt Philippe Sands den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen. Das beste Programm im Main-Gebiet eben – diesmal mit ordentlich Diskussionsstoff!






Wir schätzen Ihren Beitrag! Wenn Sie Fragen haben, uns Feedback geben oder einfach nur Hallo sagen möchten, steht Ihnen unser Team gerne zur Verfügung. Bitte zögern Sie nicht, uns über das unten angegebenen Kontaktformular zu kontaktieren.
Dein Beitrag für Radio Frankfurt
Kommentar verfassen
Teilen Sie uns Ihr Anliegen mit. Wir prüfen Ihren Beitrag und veröffentlichen ihn nach Freigabe.