Die Ginnheimerin Marta Merkle ist Teil einer Ausstellung im Berliner Bundesratsgebäude. Ihre Migrationsgeschichte aus Jugoslawien steht für Hunderttausende.
Frankfurt schreibt Geschichte – und manchmal trägt eine einzelne Lebensgeschichte mehr in sich als ganze Geschichtsbücher. Die 80-jährige Marta Merkle aus Ginnheim ist aktuell Teil einer ganz besonderen Ausstellung: „16/16 Geschichten aus dem Deutschen Auswandererhaus“ im Bundesratsgebäude in Berlin. Für Hessen wurde sie ausgewählt – und das aus gutem Grund. Ihre Geschichte steht für Hunderttausende Menschen, die einst ihr Leben packten und eine neue Heimat suchten.
Als Marta Merkle 1968 aus Jugoslawien nach Frankfurt kam, war sie Medizinisch-Technische Assistentin mit Deutschkenntnissen – und genau das gefragt. Die 1960er Jahre waren die Zeit, in der Hunderttausende Jugoslawen vor der fragilen Wirtschaft Titos und der Arbeitslosigkeit flohen und als Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Marta Merkle erinnert sich: „Ich wurde wegen meiner Qualifizierung mit Handkuss genommen. Das waren andere Zeiten. Wir wurden gebraucht.“
Zuerst arbeitete sie in den Städtischen Kliniken Höchst, später fand sie eine Stelle in einem Privatlabor in Bad Homburg – mit geregelten Arbeitszeiten, die sie als alleinerziehende Mutter dringend brauchte. Der Alltag in Frankfurt war anfangs nicht ohne Hürden: Das dichte Wolkengrau und ein überheblicher Nachbar sorgten für Ernüchterung. Doch die Vorteile überwogen schließlich. In Frankfurt lernte sie ihren jetzigen Mann Herbert Merkle (86), einen gebürtigen Frankfurter, kennen und heiratete ihn 1994. Heute sagt sie klar und deutlich: „Deutschland und Frankfurt sind mein Zuhause. Ich fühle mich glücklich und angekommen. Zu keinem Zeitpunkt habe ich es bereut, hierher gekommen zu sein.“
Was die Museumsmacher in Berlin auf Marta Merkle aufmerksam machte, ist ein ganz besonderes Objekt: ein evangelisches Gesangsbuch aus dem Jahr 1884 – auf Slowakisch, aus der Wojwodina, dem damaligen KuK-Österreich-Ungarn. Marta Merkle hat dieses Buch ihres Großonkels dem Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven gestiftet. Es steht symbolisch für die Verbundenheit von Menschen und ihrer Heimat in der Ferne – und für die enormen politischen Umbrüche auf dem Balkan im 20. Jahrhundert, als Österreich-Ungarn 1918 zerfiel, neue Grenzen gezogen und Volksgruppen teils mehrfach ihre Nationalität wechselten.
Das Gesangsbuch gehörte zur Familie Strehársky aus dem Städtchen Lalit‘, von wo auch Marta Merkles Vorfahren stammen. Juraj und Eva Strehársky brachen Ende des 19. Jahrhunderts mit ihrem ältesten Sohn Jozef über Bremerhaven in die USA auf. Jozef baute sich dort ein Leben auf und soll sogar beim Bau der New Yorker U-Bahn mitgeholfen haben. Marta Merkle lacht, wenn sie davon erzählt: „Er war tüchtig. Ohne ihn würde die gar nicht fahren.“ Das Gesangsbuch half der Familie damals, in den USA den Kontakt zur eigenen Sprach- und Religionsgemeinschaft aufrechtzuerhalten – ein Symbol für Migration, wie sie millionenfach stattfand.
Seit Marta Merkle sich intensiv mit ihrer Familiengeschichte beschäftigt hat, förderte sie immer wieder Erstaunliches zutage: Fotos, Postkarten, Briefe aus den USA. Aus all diesen Nachforschungen hat sie ein Buch erstellt – der Stammbaum allein erstreckt sich über mehrere Seiten. In ihrer Lebenslinie und der ihrer Vorfahren lässt sich über hundert Jahre europäischer Geschichte ablesen: Schicksale, Veränderungen, Irrungen und Wirrungen inklusive.
Das „Auswandererhaus“ in Bremerhaven ist ein ungewöhnliches Museum, das Migrationsgeschichten lebendig macht. Da Bremen in diesem Jahr turnusmäßig den Vorsitz im Bundesrat innehat, werden Objekte aus dem Museum samt ihren Geschichten im Bundesratsgebäude in Berlin präsentiert – eine von 16 Geschichten aus 16 Bundesländern. Für Hessen steht Marta Merkle.
Zur Eröffnung kam Bundesratsvorsitzender Andreas Bovenschulte persönlich. Marta Merkle erinnert sich begeistert: „Das war natürlich sehr aufregend. All die Menschen, Presse – wir stellten uns alle vor und gaben eine Kurzform der Geschichte. So viel Aufmerksamkeit für eine persönliche Geschichte, das ist schon toll.“ Bovenschulte soll ihr anschließend gesagt haben: „Das haben Sie gut gemacht.“
Eine Ginnheimerin, die 1968 mit einem Koffer und einem Beruf nach Frankfurt kam – und heute mit ihrer Geschichte im Herzen Berlins steht. Das ist Frankfurt. Das ist der Sound der Weltstadt.






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