
Frankfurts ältester Paternoster läuft seit 1922 ohne Pause im Peter-Behrens-Bau. Wir zeigen, warum das Frankfurter Kultgerät bis heute begeistert.
Klackern, rumpeln, weiterfahren – und das seit über einem Jahrhundert. Im Westflügel des denkmalgeschützten Peter-Behrens-Bau im Industriepark steht Frankfurts ältester Paternoster: Baujahr 1922. Der Oldtimer läuft täglich in einer Tour, bis er abends zum Dienstschluss abgeschaltet wird. Kein Knopfdruck, kein Warten, kein Stillstand. Einfach einsteigen und mitfahren – so wie es schon Generationen vor uns getan haben. Das ist gelebte Industriegeschichte, mitten im Main-Gebiet!
Für Aufzugsexperte Jürgen Stillger, der beim Industrieparkbetreiber Infraserv für die Wartung zuständig ist, ist der Paternoster weit mehr als ein Transportmittel. „Das ist wirklich der älteste Aufzug, den wir hier im gesamten Werk haben“, sagt er stolz. Riesige Zahnräder, schwere Ketten und teilweise noch originale Holzführungsschienen – Elektronik sucht man hier fast vergeblich. „Eigentlich gibt es kaum etwas, was kaputtgehen kann“, erklärt Stillger. Und wenn doch mal ein Holzelement beschädigt wird, fertigen Schreiner einfach ein passendes Ersatzteil nach.
Ganz ohne Pflege kommt der Dauerläufer aber natürlich nicht aus: Sechsmal im Jahr wird er gründlich gewartet, einmal jährlich werden Zahnräder und Führungen aufwendig geschmiert. Dazu kommen eine jährliche Hauptprüfung mit Belastungstest und eine Zwischenprüfung durch den TÜV. Die Sicherheitsbilanz? Makellos. „Wir haben hier praktisch keine Stolperunfälle“, berichtet Stillger. Der einzige außergewöhnliche Vorfall der jüngeren Zeit: Ein Mitarbeiter versuchte, mit einer rund zwei Meter langen Leiter einzusteigen – die Leiter wurde komplett zerstört, dem Mann passierte zum Glück nichts.
Und noch etwas überrascht: Auf der Kurzstrecke schlägt der alte Herr seinen modernen Nachbarn regelmäßig. Während der klassische Aufzug erst aus einem oberen Stockwerk heranfahren muss, ist der Paternoster längst unterwegs. Ein echtes Frankfurter Original eben!
Doch der Peter-Behrens-Bau ist nicht die einzige Adresse, an der Frankfurts Paternoster-Kultur lebt. Im IG-Farben-Haus auf dem Campus Westend der Goethe-Universität warten täglich Studierende auf ihre Fahrt im Paternoster aus dem Baujahr 1932. Insgesamt acht Exemplare existieren dort noch im Bibliotheksbereich, vier davon sind noch in Betrieb – und werden monatlich gewartet, wie Uni-Pressesprecher Dirk Frank verrät.
Die Jurastudentinnen Vanessa, Julie und Beriwan gehören zu den Fans. „Ich finde es großartig, dass es so etwas noch gibt“, schwärmt Beriwan. Julie gesteht lachend, dass sie den Namen anfangs nicht mal kannte – erst eine Kommilitonin brachte sie auf die Idee: „Lass uns doch mit dem Paternoster fahren.“ Seither ist sie überzeugter Fan. Manche Besucher kommen sogar eigens in die Uni, nur um eine Runde zu drehen. Übrigens: Den legendären „Paternoster-Führerschein“ für Studierende der Goethe-Uni gibt es seit 2019 nicht mehr – seitdem können die Geräte wieder frei benutzt werden.
Noch eine Adresse darf auf keiner Paternoster-Tour durch Frankfurt fehlen: das Flemings Selection Hotel am Eschenheimer Tor. Dort können Gäste mit dem historischen Aufzug von der Lobby über sieben Stockwerke stilvoll aufs Dach steigen – mit spektakulärem Stadtpanorama. „Wir aktivieren den Paternoster täglich zu den Frühstückszeiten für die Hotelgäste und abends zu den Öffnungszeiten des Rooftop-Restaurants Occhio d’Oro“, erklärt die stellvertretende Generaldirektorin Elisabeth Schoppmann. Das Gebäude entstand 1952/53 nach Plänen der Architekten Karl und Stefan Blattner und gehört zu den frühen Hochhäusern der Frankfurter Nachkriegsmoderne. Seit dem Umbau zum Hotel im Jahr 2008 blieb der Paternoster als denkmalgeschütztes Ausstattungsmerkmal erhalten.
Der Frankfurter Aroon Nagersheth bringt das Erlebnis auf den Punkt: „Diese kettengetriebenen Lifte waren einst Symbole der Moderne – heute sind sie eher urbane Legenden. Bloß, dass dieser hier real ist.“ Jedes Ein- und Aussteigen sei „ein kleiner Akt des Mutes“ – belohnt mit einem Drink auf der Terrasse und dem Blick auf den Sonnenuntergang. „Prost auf uns Zeitreisenden!“
Insgesamt drehen in Frankfurt noch etwa ein Dutzend Paternoster täglich ihre Runden. Dass diese Technik überhaupt noch existiert, ist nicht selbstverständlich: Seit 1985 gibt es keine neue Norm mehr für Paternoster. Werden historische Anlagen restauriert, geschieht das nach den damaligen Vorschriften und unter den Auflagen des Denkmalschutzes. Infraserv-Sprecher Michael Müller betont den besonderen Einsatz der Verantwortlichen im Industriepark, die Anlage zu erhalten – und berichtet, dass der Aufzug seit Langem auch Besuchergruppen begeistert, darunter italienische Architekturstudenten, die zum ersten Mal in ihrem Leben in einem historischen Paternoster fuhren.
Frankfurt und seine Paternoster – das ist mehr als Nostalgie. Das ist der Sound der Weltstadt, der von ganz allein weiterläuft. Einfach einsteigen!


Das MAK Frankfurt zeigt mit „On Display



Das MAK Frankfurt zeigt mit „On Display

Wir schätzen Ihren Beitrag! Wenn Sie Fragen haben, uns Feedback geben oder einfach nur Hallo sagen möchten, steht Ihnen unser Team gerne zur Verfügung. Bitte zögern Sie nicht, uns über das unten angegebenen Kontaktformular zu kontaktieren.
Dein Beitrag für Radio Frankfurt
Kommentar verfassen
Teilen Sie uns Ihr Anliegen mit. Wir prüfen Ihren Beitrag und veröffentlichen ihn nach Freigabe.