Rekordhitze in Hessen: 600 Hitzetote, überhitzte Wohnungen ohne Schutz – was Frankfurt und Offenbach jetzt dringend ändern müssen.
Der Sommer 2026 hat es uns knallhart gezeigt: Hessen erlebt gerade eine historische Hitzewelle, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Das Thermometer kletterte auf über 40 Grad – und nachts kühlte es kaum ab. Die Rettungsdienste rückten rund 50 Prozent häufiger aus als sonst, zusätzliche Wagen mussten her. Dazu kamen Waldbrände. Das ist kein Einzelfall mehr – das ist die neue Realität in unserer Stadt.
Besonders dramatisch: Nach einer Schätzung des Robert-Koch-Instituts (RKI) sind in Hessen allein in der ersten Jahreshälfte 600 Menschen an den Folgen von Hitze gestorben. Bundesweit sollen es mehr als 5.100 gewesen sein. Betroffen sind vor allem kleine Kinder, ältere Menschen und Personen mit Vorerkrankungen. Das sind unsere Nachbarinnen und Nachbarn – und das darf uns nicht kaltlassen.
Klingt verrückt, ist aber so: Für Kälte in der Wohnung gibt es jede Menge Gerichtsurteile, Regeln und Mieterrechte. Für Hitze? Fehlanzeige. Rolf Janßen, Geschäftsführer des DMB Mieterschutzvereins Frankfurt, beschreibt es so: Eine Mieterin habe sich kürzlich bei ihm gemeldet, weil sie sich in ihrer Wohnung wie „in einem Glutofen eingesperrt“ gefühlt habe – ohne rechtlichen Hebel gegen ihren Vermieter.
Der einzige Ansatzpunkt ist Paragraph 535 BGB: Demnach muss der Vermieter die Wohnung in einem Zustand erhalten, von dem keine Gesundheitsgefährdungen ausgehen. Verbindliche Standards für baulichen Hitzeschutz – etwa Klimaanlagen – gibt es aber nicht. Und wer zahlt am Ende die Kosten? Auch das ist ungeklärt. Janßen ist klar: „Es geht letztendlich um die Gesundheit und das ist auch ein gesamtgesellschaftliches Thema.“ Die Politik muss handeln.
Selina Müller von der Initiative Stadtfieber bringt es auf den Punkt: Offenbach ist die Stadt mit der geringsten Kaufkraft in Deutschland – und das liegt vor allem an den hohen Mieten, die trotzdem weiter steigen. Das hat fatale Folgen: Kaum jemand investiert in effizienten Hitzeschutz oder klimaneutrale Heizsysteme. Müller selbst musste während der jüngsten Hitzewelle mit Anzeichen eines Hitzschlags in den Keller ausweichen. Ihr Fazit: „Es wurde einfach nicht investiert in diese Gebäude. Der Zustand ist nicht mehr haltbar.“
Der Mieterbund Offenbach sieht das Problem zwar, fordert aber keine politische Lösung – weil schärfere Bau- oder Dämmvorschriften die Mieten noch weiter treiben würden. Wie Mieter dann geschützt werden sollen, bleibt offen. Ein Dilemma, das die Stadt Offenbach bisher nicht gelöst hat.
Niko Martin, Vorstandsmitglied im BUND Hessen und Geschäftsführer des BUND Zentrum für Stadtnatur, zieht den Hitze-Check der Deutschen Umwelthilfe heran: Frankfurt und Offenbach stehen beim Hitzebetroffenheitsindex auf „Rot“ – der schlechtesten Stufe. Beim Beschirmungsgrad und Versiegelungstrend gibt es immerhin „Gelb“.
Martins Forderung ist klar: Städte müssen umgebaut werden. Entsiegeln, begrünen, Bäume pflanzen und schützen. Als Orientierung nennt er die 3-30-300-Regel: Aus dem Fenster sollte man drei Bäume sehen, Stadtviertel sollten 30 Prozent Baumüberschirmung haben, und zur nächsten Grünfläche sollten es maximal 300 Meter sein. „Das hat auch eine soziale Implikation“, betont er – auch Menschen in einkommensschwächeren Gebieten sollen Zugang zu Grün haben. Sein politisches Ziel: ein Baumschutz, der am Ende über dem Baurecht steht.
Auch Parkplätze, Gewerbeflächen und die ungenutzten Flächen für Autos – die laut Martin 95 Prozent der Zeit herumstehen – bieten enormes Potenzial für Begrünung und Entsiegelung.
Beide Städte sind nicht untätig: Frankfurt hat seit 2023 einen Klimawandel-Aktionsplan mit Hitzewarnungen, einer Karte kühler Orte, einem Hitzebus und Springbrunnen-Betreuung. Für die Zukunft plant die Stadt die Erweiterung des Günthersburgparks sowie die Umgestaltung von Riedbergplatz und Atzelbergplatz. Dazu kommen energetische Sanierungen, Photovoltaik sowie Dach- und Fassadenbegrünung.
Offenbach war mit seinem Hitzeaktionsplan seit 2020 sogar eine der ersten deutschen Städte überhaupt. Jetzt kündigt die Stadt das Innenstadtkonzept „Grüne Mitte“ und eine Kälteplanung ergänzend zur Wärmeplanung an. Konkrete Zeitpläne oder Budgetzahlen? Fehlen bisher. Frankfurt räumt offen ein, dass fehlende Vorgaben für privaten Wohnraum „zunehmend problematisch“ werden.
Die Rekordhitze ist kein Sommerthema, das nach ein paar Wochen vergessen wird – sie ist ein Dauerproblem, das Menschenleben kostet. Frankfurt und Offenbach haben erste Schritte gemacht, aber die großen Fragen – Mieterschutz bei Hitze, verbindlicher Hitzeschutz in Bestandswohnungen, mehr Grün für alle Stadtteile – sind noch offen. Es braucht Antworten. Jetzt. Bleibt informiert, bleibt dran – und hört rein bei Radio Frankfurt, eurem Sender für alles, was die Region bewegt!






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