Intimacy Choreography im Tanz: Frankfurterin Hannah Dewor kämpft für Konsens auf der Bühne und veranstaltet im November 2026 das Exchange Lab im Crespo Haus.
Im Film kennen wir sie schon: Intimacy Coordinator sorgen bei sensiblen Szenen dafür, dass sich alle Beteiligten sicher fühlen und alles auf gegenseitigem Einverständnis basiert. Im Tanz sieht die Realität oft noch ganz anders aus – dabei gibt es kaum eine Kunstform, bei der Körperberührung so alltäglich ist. Genau das will die Frankfurterin Hannah Dewor ändern. Als ausgebildete Bühnentänzerin, Tanzpädagogin und Intimacy Coordinator kämpft sie dafür, dass Konsens auch auf der Tanzbühne zur Selbstverständlichkeit wird.
Dewor bringt es im Gespräch mit dem Journal Frankfurt auf den Punkt: „Funktionieren müssen steht im Tanz an oberster Stelle. Man will die choreographische Vision umsetzen.“ Klingt erstmal verständlich – aber genau hier liegt das Problem. Weil Stellen in der Tanzwelt heiß umkämpft sind und das Berufsfeld äußerst prekär ist, tanzen viele Tänzerinnen und Tänzer sprichwörtlich um die Gunst der Leitung. Grenzen setzen? Schwierig, wenn man Angst hat, seinen Job zu verlieren.
Dass Machtmissbrauch in der Branche keine Seltenheit ist, zeigt ein prominentes Beispiel: 2022 wurde der belgische Choreograph Jan Fabre wegen sexueller Belästigung und Gewalt gegen frühere Mitglieder seiner Tanzkompanie schuldig gesprochen. Besonders riskant seien laut Dewor Situationen mit großer Altersdiskrepanz zwischen Tanzpartnern, Improvisationsaufgaben sowie Stücke, die Nacktheit oder traditionelle Rollenbilder zeigen.
Wenn Dewor als Intimacy Choreographer in einer Produktion dabei ist, begleitet sie den gesamten Prozess als möglichst unabhängige Ansprechperson. Sie ist bei Proben anwesend, führt regelmäßige Check-Ins mit den Tänzerinnen und Tänzern durch und gibt ihnen konkrete Tools an die Hand, um eigene Grenzen klar zu kommunizieren. Die Kommunikation läuft dabei weitgehend über Körpersprache.
Ein besonders praktisches Beispiel ist das Ampelsystem: Bestimmte Gesten signalisieren Grün, Gelb oder Rot – je nachdem, wie eine Person Berührungen an verschiedenen Körperregionen empfindet. Diese Übung wird vor der Probe durchgeführt. „Damit wird der Dialog eröffnet, man erhält so eine bestimmte Art, um darüber zu sprechen“, erklärt Dewor. Auch scheinbar kleinere Aspekte wie das Kostüm, die Audition-Situation oder die Umkleidekabine hat sie dabei im Blick.
Dewors Arbeit ist Teil ihres Projekts „CLOSER WITH CONSENT“ – und das soll wachsen. Vom 6. bis zum 8. November 2026 veranstaltet sie im Crespo Haus Frankfurt das Exchange Lab. Intimacy Choreographer und Coordinator, Tänzerinnen und Tänzer, Choreografinnen und Choreografen sowie Tanzpädagoginnen und -pädagogen kommen zusammen, um sich in Lectures, Diskussionen, Workshops und Best-Practice-Beispielen auszutauschen.
Das Ziel: eine starke Community aufbauen – lokal verwurzelt, aber international vernetzt. Das Projekt wird durch das Next Steps Programm von Bureau Ritter zur Stärkung der Tanzschaffenden in Hessen gefördert, das von der Crespo Foundation unterstützt wird.
Was Dewor in Frankfurt anstößt, könnte langfristig die gesamte Tanzbranche verändern. Der Tanz lebt von Nähe, Vertrauen und Körperlichkeit – und genau deshalb braucht er klare Strukturen, die alle schützen. Mit dem Exchange Lab und ihrem Projekt „CLOSER WITH CONSENT“ zeigt Frankfurt einmal mehr: Hier passiert Kultur nicht nur auf der Bühne, sondern auch hinter den Kulissen – mit Haltung und Verantwortung!
📍 Exchange Lab 2026, 6.–8. November, Crespo Haus Frankfurt, Weißfrauenstraße 1–3






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