Ronny Wächter vom Fahrdienst Rumpf lud seine Rollstuhlfahrer trotz Treibstoffkrise zum FSV-Spiel ein – eine berührende Frankfurter Geschichte über Herz und…
Manchmal zeigt Frankfurt seine schönste Seite nicht auf der großen Bühne, sondern ganz leise – an einem heißen Sommertag am Bornheimer Hang. Ronny Wächter, Geschäftsführer des Fahrdienstes Rumpf, lud seine im Rollstuhl sitzenden Stammkunden zum Freundschaftsspiel des FSV Frankfurt gegen Eintracht Frankfurt ein. Das ist keine Selbstverständlichkeit: Denn der Fahrdienst kämpft gerade mit massiv gestiegenen Treibstoffkosten und muss jeden Euro zweimal umdrehen. Trotzdem orderte Wächter 14 Karten für das dritte vorsaisonale Duell der beiden Frankfurter Klubs seit 2024.
Der Plan klang einfach, die Realität war kniffliger: Bei 33 Grad im Schatten sagte die Hälfte der eingeladenen Stammkunden kurzfristig ab. Rollstuhlfahrer haben mit Hitze besonders zu kämpfen – das ist eine körperliche Realität, die viele nicht auf dem Schirm haben. Ronny Wächter wartete trotzdem geduldig an der U-Bahnstation im Schatten einer Brücke auf vier Busse seines Unternehmens. Eine halbe Stunde vor Spielbeginn fuhr mit Hans-Peter Janke am Steuer der erste Bus vor.
Wächter trägt an diesem Tag ein Trikot des FSV Frankfurt – kein Wunder, denn „Fahrdienst Rumpf“ stand in der Saison 2019/20 sogar auf der Bandenwerbung des Vereins. Auch abseits des Fußballs engagiert sich Wächter: Er unterstützt Rollstuhlbasketball und Fußball für geistig Behinderte. Seine Verbundenheit zur Frankfurter Sportszene ist echt – und sie geht tiefer als nur Werbeflächen.
Was Frankfurt von München oder Hamburg unterscheidet? Wächter bringt es auf den Punkt: Hier muss man sich nicht entscheiden. Keine Bayern-oder-60-Mentalität, kein HSV-oder-St.-Pauli-Lager. Wächter selbst hofft beim Spiel auf den FSV, hält aber generell auch zur Eintracht. Ähnlich sieht es Jörg Weigl, den der Fahrdienst Rumpf zu jedem Spiel des FSV fährt. Als echter Fan besitzt er eine Dauerkarte, schaut aber hin und wieder auch im Waldstadion vorbei. „Heute bin ich neutral“, sagt er mit einem Schmunzeln.
Wer an diesem Tag am Bornheimer Hang dabei ist, begegnet Menschen mit bemerkenswerten Geschichten. Steffen Löw etwa besitzt eine Dauerkarte fürs Waldstadion und war schon als 14-Jähriger auf den Stehplätzen bei der Eintracht. Am 10. Oktober 2007 überschlug sich sein Wagen auf einer Sandpiste in Namibia. Eingeklemmt unter dem Dach, spürte er zwar seine Beine – konnte sie aber nicht bewegen. Vor einigen Jahren kam zusätzlich ein Schlaganfall hinzu.
Drei Meter weiter sitzen Thorsten und Melanie Keller. Thorsten Keller, 54 Jahre alt, spricht offen über den 13. Mai 2024: Er fuhr in der Toskana nahe Massa auf dem Mountainbike einen Berg herunter, als er stürzte. Bei vollem Bewusstsein wartete er 45 Minuten, bis eine Schweizer Krankenschwester vorbeikam, die Rettung alarmierte und ihm das Telefon ans Ohr hielt. Seine Frau Melanie, die er seit Schulzeiten kennt, war an diesem Tag im Hotel geblieben. „Am Telefon hat er mir gesagt, ‚diesmal ist es schlimm'“, erinnert sie sich.
Heute fährt ihn der Fahrdienst Rumpf dreimal pro Woche zur Physiotherapie. Er kann Arme und Hände wieder bewegen, selbstständig essen und 30 Stunden pro Woche arbeiten. Die Eintracht-Spiele besucht er inzwischen mit Freunden, mit denen er früher Radsport trieb. Die Mitarbeiter des Fahrdienstes erlebt er als einfühlsam „und absolut zuverlässig“. Und seelisch? Fühle er sich deutlich stabiler, sagt Keller – „seit ich angefangen habe, meinen Zustand zu akzeptieren, ich nachts in meinen Träumen nicht mehr laufe, sondern im Rollstuhl sitze.“
Das Spiel gewinnt die Eintracht am Ende 5:1. Aber seien wir ehrlich: Das Ergebnis ist an diesem Tag Nebensache. Was zählt, ist die Geste von Ronny Wächter – mitten in einer Treibstoffkrise, bei brütender Hitze, mit echtem Frankfurter Herz. Der Sound der Weltstadt klingt manchmal eben nicht nach Skyline und Hochhäusern, sondern nach dem Quietschen von Rollstuhlreifen auf dem Weg zum Bornheimer Hang.






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