Klaus Oesterling hat Frankfurt geprägt wie kaum ein anderer. Jetzt erinnert die Stadt an den Ex-Verkehrsdezernenten – und seine Vision für den ÖPNV der Zukunft.
Frankfurt sagt Lebewohl – und die Stadt tut es mit echtem Schmerz. Klaus Oesterling, langjähriger Verkehrsdezernent und Vollblutkommunalpolitiker der SPD, ist nach langer Krankheit gestorben. Er wurde 74 Jahre alt. Wie wir in einem früheren Beitrag bereits berichtet haben, verliert Frankfurt damit eine der prägendsten Figuren seiner Stadtpolitik. Jetzt wird deutlicher als je zuvor, wie tief seine Spuren wirklich reichen.
Klingt ungewöhnlich für einen Verkehrsdezernenten? Ist es auch – und genau das macht Klaus Oesterling so besonders. Er besaß kein Auto und hatte nicht einmal einen Führerschein. Dafür kannte er Bahnfahrpläne und Linienführungen des öffentlichen Nahverkehrs auswendig wie kein Zweiter. Die Liebe zur Schiene war nicht nur ein politisches Programm für ihn – sie war Herzensangelegenheit.
Seit 1989 gehörte Oesterling dem Frankfurter Stadtparlament an. Von 2006 bis 2016 führte er die SPD-Fraktion im Römer, bevor er von 2016 bis 2021 als Stadtrat die Verkehrspolitik der Stadt aktiv gestaltete. In dieser Zeit trieb er den Frankfurter Radentscheid voran – ein Anliegen von 40.000 Unterzeichnenden – und setzte rote Radfahrstreifen durch, auch wenn die anfangs nicht mal bei ihm selbst uneingeschränkt beliebt waren. Und dann war da noch die Mainkai-Sperrung für Autos: ein mutiger Schritt gegen massive Widerstände, der Frankfurts Innenstadt nachhaltig veränderte.
Was Oesterling wirklich auszeichnete, war sein langer Atem. Viele seiner Projekte sind noch heute in der Umsetzung oder Planung – und werden es noch lange an ihn erinnern. Die Regionaltangente West, die nordmainische S-Bahn, die Verlängerung der U-Bahnlinien ins Europaviertel, zum Frankfurter Berg, nach Bad Homburg und Ginnheim: All das trägt seinen Fingerabdruck. Er dachte nicht in Legislaturperioden, sondern in Generationen.
Dabei war er kein Dogmatiker. Das Auto sah Oesterling nie als Feind – besonders in stadtfernen Gegenden bleibe es auf absehbare Zeit für viele unverzichtbar, machte er immer wieder deutlich. Aber er war überzeugt: Eine ökologische Verkehrswende ist möglich und nötig. Und er hat dafür gekämpft.
Die Reaktionen nach seinem Tod sprechen für sich. Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) zeigte sich tief bewegt: „Mich hat die Nachricht vom Tod von Klaus Oesterling auch persönlich tief getroffen.“ Josef beschrieb ihn als „demokratisches Urgestein“ und einen der brillantesten Köpfe der Frankfurter Stadtpolitik – und als persönlichen Freund und Ratgeber. Stundenlange Telefonate und Gespräche im Dienstzimmer hätten ihn als jungen Stadtverordneten geprägt: „Ich habe dabei unglaublich viel über Politik und speziell die Frankfurter Stadtpolitik gelernt.“
Auch Stadtverordnetenvorsteherin Claudia Korenke würdigte Oesterling: „Die Frankfurter Verkehrspolitik wird immer mit dem Namen von Klaus Oesterling verbunden bleiben.“ Er habe seine Heimatstadt – in der er am 22. April 1952 geboren wurde – geliebt und sich stets für Zusammenhalt eingesetzt. 2022 wurde er zum Stadtältesten ernannt.
Besonders in Erinnerung bleibt seine Art zu reden: direkt, klar, ohne Schönfärberei. „Er konnte einfach sagen, wie es ist, und hat es verachtet, wenn versucht wurde, Wahrheit und Fakten zu verdrehen“, so OB Josef. Ein Mensch, der eine gerechte, freie und solidarische Gesellschaft wollte – und dafür stritt.
Klaus Oesterling hat Frankfurt ein Stück weit zu dem gemacht, was es heute ist. Wer in der U-Bahn sitzt, auf einem roten Radstreifen fährt oder den Mainkai ohne Autos erlebt – der erlebt ein Stück Oesterling. Der Sound der Weltstadt trägt auch seine Handschrift. Frankfurt verliert einen, der diese Stadt wirklich liebte. Und das merkt man.


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