Der Dokumentarfilm „8 Sekunden
Mitten in den Sommerferien, mitten in der Wetterau – und trotzdem knapp 100 Besucher im Alten Hallenbad in Friedberg. Das sagt schon alles über die Kraft von „8 Sekunden“. Der preisgekrönte Dokumentarfilm von Jean-Marie Vinclair wurde dort am Dienstag gezeigt und hat das Publikum sichtlich bewegt. Was steckt dahinter? Eine Familiengeschichte, die 13 Jahre Recherche brauchte – und ein Mensch, der totgeschwiegen wurde.
Raymond Vinclair war Großonkel von Filmemacher Jean-Marie Vinclair. Als Zwangsarbeiter in Deutschland verhalf er während des Zweiten Weltkriegs rund 150 Kriegsgefangenen zur Flucht. Dafür bezahlte er mit seinem Leben: Er wurde im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee enthauptet. Aus Unterlagen geht hervor, dass die Hinrichtung von der Vorführung bis zur Vollzugsmeldung genau 8 Sekunden dauerte – daher der Titel des Films.
Das Erschütternde: In seiner Familie war Raymond jahrzehntelang totgeschwiegen worden. Nur durch einen Zufall stieß Jean-Marie überhaupt auf den Namen seines Großonkels. Was folgte, war eine 13-jährige Reise durch Archive und Gedenkstätten in Frankreich und Deutschland.
Was „8 Sekunden“ so besonders macht: Es sind Vinclairs Söhne Terence und James, die im Film die Suche nach Raymond übernehmen. Mit einem selbst angelegten Detektiv-Buch machen sie sich auf den Weg. Dokument für Dokument wird aus einem bloßen Namen ein echter Mensch – bis sie sogar ein Foto von Raymond finden und den Ort, an dem er in seiner Heimat Frankreich begraben liegt.
Dabei lernen nicht nur die Kinder, sondern auch ihre Eltern: Jean-Marie, der Vater, und Eve Vinclair-Berkemeier, die deutsche Mutter, entdecken gemeinsam mit ihren Söhnen, was Raymond durchmachte. Eine besonders eindrückliche Szene spielt sich im Arolsen-Archiv ab, wo eine französische Mitarbeiterin dem damals neunjährigen Terence behutsam eine Liste erklärt, aus der hervorgeht, dass alle zwei Minuten ein Mensch erschossen wurde – als Geschenk zu Hitlers Geburtstag. Terences Fragen machen in dieser Szene auf bewegende Weise sichtbar, wie unfassbar das NS-Regime agierte.
Wie kam „8 Sekunden“ überhaupt nach Friedberg? Die Antwort liegt in einem Schüleraustausch. Ulf Berger, Friedberger Geschäftsmann, ist der Austauschvater von Terence Vinclair. Seine Tochter Hedda nahm am Austausch der Sankt-Lioba-Schule Bad Nauheim mit dem Collège Saint-Pierre Caen teil, bevor Terence vor drei Monaten zum Gegenbesuch in die Wetterau kam. Bei einem Treffen beider Familien entstand die Idee, den Film nicht nur privat zu zeigen, sondern ihn mit der Öffentlichkeit zu teilen.
Ulf Berger präsentierte den Abend in Kooperation mit dem Bürgerforum Friedberg – und freute sich über den gut gefüllten Saal. Jean-Marie Vinclair, der seinen Film bereits auf über 50 Festivals weltweit gezeigt hat, nannte die Vorführung in Friedberg „exceptionell“. Hier vereinten sich für ihn vier Leidenschaften auf einmal: „Meine Kinder, meine Frau, Kino und Schwimmbad.“
Nach dem Film entstand ein lebhafter Austausch mit den rund 100 Besuchern. Eve Vinclair-Berkemeier übersetzte dabei in beide Richtungen. Sie selbst gab zu, dass es ihr unangenehm war, sich selbst auf der Leinwand zu sehen. Terence hingegen hat sich daran gewöhnt – es war bereits seine fünfte Vorführung von „8 Sekunden“. Heute versteht er deutlich mehr von dem, was damals passiert ist, als mit neun Jahren während der Dreharbeiten.
Auf Kritik, ihre Kinder mit solch schweren Themen zu belasten, ist die Familie vorbereitet. Doch laut Eve Vinclair-Berkemeier komme das selten vor. „Wir wollten keine Geheimnisse in der Familie“, sagte sie. Und genau das macht den Film so stark: Er zeigt, wie wichtig es ist, Vergangenheit nicht zu verschweigen – sondern sie anzuschauen, zu verstehen und weiterzugeben. Ulf Berger brachte es nach der Vorführung auf den Punkt: „8 Sekunden“ mache deutlich, wie man aus der Vergangenheit für die Gegenwart und Zukunft lernen könne.
Ein ergreifender Abend, der noch lange nachhallt – im Alten Hallenbad in Friedberg und bei jedem, der dabei war.

„Die unsichtbare Stadt



„Die unsichtbare Stadt


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